Ausgabe 
28 (8.11.1868) 45
 
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Nr. 4».

8. Novbr. 1868

Ls hört die Wahrheit Jeder,

Geboren unter jedem Himmel, demDes Lebens Quelle durch den Busen reinlind ungehindert fließt.

G öth c.

Die Gestorbenen.

So lang uns nahe sind geliebte Wesen,

Mit uns durch Blick und Mund und Herz verbunden.

Wie fließen sanft und unvermerkt die Stunden!

So bleib' es, glauben wir, wie es gewesen.

Doch, was ist so geliebt und auserlesen.

Das nicht zuletzt uns wie ein Traum entschwunden?

Dann thun sich auf im Herzen solche Wunden,

Von denen wir nie glauben zu genesen.

Indeß ist uns doch ein Gewinn geblieben:

Des Schmerzes bittre Wurzel hat im SandeDes Grabschutts einer Blume Glanz getrieben.

Und was uns dämmernd lag am fernsten Rande,

Wird durch die uns vorangcgang'nen LiebenZum lichten stillvertrauten Vaterlandc.

Johannes Schrott.

Lebensschicksale eines Candidaten der Theologie.

vm.

Gesühnte Schuld.

Die Zeit heilt alle Wunden,

Die Zeit heilt jeden Schmerz.

Es war ein halbes Jahr später, da fuhr eines Tages eine Post-Chaise durch dieStraßen Langensalza's und hielt vor dem Gasthause zur goldenen Krone. Dienstfertig.eilte der Wirth herbei, öffnete den Wagenschlag und führte den einzigen Insassen derKutsche unter vielen Bücklingen in das Gastzimmer. Hier entledigte sich der Reisendeseiner Ueberkleider und des um den Hals geschlungenen Tuches, und als er dann dasnun freie Gesicht dem Wirthe zukehrte, schlug dieser vor Erstaunen die Hände zusammenund sagte voll Verwunderung:

Ja, ist es denn möglich? Sind Sie's denn wirklich? Herr Candidat Olearius?"

Ja, ja, ich bin's schon, mein lieber Herr Keiner, bin's leibhaftig. Aber jetztnicht mehr der arme, hungernde Candidat, sondern der Hofprediger Sr. Majestät desKönigs von Preußen."

Hof Prediger?" Das Wort blieb dem Herrn Wirth fast im Hals steckenund fast wagte er es nicht, die ihm freundlichst dargereichte Hand zu fassen, so perplexhatte die Ueberraschung und der Respekt ihn gemacht. Dann aber eilte er hinaus und