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Gerächt und gerichtet.
Eine Dorf- lind Kriminal-Geschickte von Ludwig Habicht .
(Mit Lerwahrung gegen Nachdruck)
Jetzt, am Hochzeitstage, suchte Marianne in jenem Büchelchcn Trost, das ihr von«llcn Schriften Georgs am meisten zugesagt. Es war eine »Anthologie aus den Werkendes Wandsbecker Boten, und sie las:
„Er sitzt dort hock in stiller Einsamkeit,lind sinnt auf unser Wohl.
Den grosien Sckoos von Wohlthat weit und breitlind beide Hände voll.'
„O Gott, sinnst Du auch auf mein Wohl?" sprach sie leise vor sich hin und laSin Thränen weiter:
„Und sieht herab auf Sterne, Land und Meer,
Mit unverwandtem Blick!
Siebt seine Kinder alle rund umher,
Ihr Elend und ihr Glück."
„Ihr Elend nnd ihr Glück!" wiederholte sie langsam, und ein tiefer Seufzer ent-rang sich ihrer Brust, — baun starrte sie lange vor sich hin und versank in dumpfesHinbrüten.
Die alte Wanduhr schlug eben neun, nnd der Alte trat in die Stube. Er sahnoch finsterer wie gewöhnlich aus und auf die Uhr zeigend, rief er grollend: „Hm! unS«arten lassen! Was denkt sich der Bursche!"
„Die Uhr drüben geht immer zu spät," beschwichtigte die Näthcrin.
„Er wird schon noch kommen," setzte die Freundin außerdem hinzu.
Der Bauer runzelte zornig die Stirn; „das weiß ich selbst," entgcgnctc er sichernnd selbstbewußt, „er hat sich rechtschaffene Mühe gegeben um die Marianne, und nunwarten lasse»! Sind wir seine Narren?" brummte er leiser vor sich hin. Um seinemUnmuth besser Luft machen zu können, ging er hinaus, vielleicht auch, um die Ursacheeines wirren Geräusches zu erfahren, das von draußen hcrcindrang. Auch die Mädcheneilten zur Schwelle, aber au der Thür begegnete ihnen schon die kräftige Gestalt desBauers, der Plötzlich alle seine Langsamkeit und Bedächtigkeit abgestreift zu haben schien,auf seine Tochter zueilte, ihren gesenkten Kopf in die Höhe richtete und hastig hervor-stieß: „Er kann nicht dafür, daß er nicht kommt, die Müllerin hatt's nur eher sagenlassen sollen, — er kann nicht kommen! — Du brauchst nicht so hämisch zu lachen,"wandte er sich an Mariannens Freundin, „da gibt's keinen Spaß — er ist todt — siehaben ihn erschlagen, draußen auf der Elsewicse."
Marianne fuhr erschrocken auf. Sie blickte ihrem Vater forschend in das Gesicht,als wolle sie prüfen, ob er die Wahrheit sage. Doch diese. harten Lippen hatten sichnoch nie zu einem Scherz hergegeben, sie las auf seinem Gesicht die vollste Bestätigungdieser grauenhaften »Nachricht. „Todt!" wiederholte sie langsam. Es war ein Schreck-liches, Unbegreifliches, das finster, unheilbringend in ihren Hochzeitmorgen und vielleichtin ihr ganzes Leben hineinstarrte. Sie hatte ihn nie geliebt, ihren aufgedrungenenBräutigam, aber in diesen: Augenblicke vergaß sie Alles, sie hörte nur, daß er erschlagen,und Mitleid erfüllte ihr Herz. Thränen rollten aus ihren Augen. „Armer Mann!"klagte sie, „das hast Du nicht verdient, o, das ist schändlich, fürchterlich, ihn zu ermor-den und heut!"
Die andern beiden Mädchen begannen zu jammern und zu fragen, wie das möglich,,das kann ja nicht sein, er war ja gestern noch frisch und gesund," rief die Freundin.
Der Bauer verzog das Gesicht zu einem fast spöttischen Lächeln, dann sagte erbarsch: „Dumme Gänse, hört Ihr nicht? todt geschlagen ist er worden, und in kleineStücke haben sie ihn zerhackt, so liegt er dort, sagt der Schulze."