Ausgabe 
29 (26.12.1869) 52
 
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s z« lenken suchte, indem sie wiederholt sagte:Jasou, ich weiß ein Lied." Diese wenige»« Worte vermag ihr kein Mensch mit gleicher Betonung und annäherndem Effekt nachzusprechen,s Nebenbei dürfen wir nicht unerwähnt lassen, daß Frl Ziegler, die geborue Müuch«

^ «eriu, ein besseres, reineres Deutsch spricht, als alle ihre Rivalinen, bei welchen entweder der

o slavische , ungarische, norddeutsche oder sonst ein Acceut sich mehr oder weniger bemerklech macht.

Wem hörte mau je die deutsche Sprache wohl so schön und zugleich so absichtslos von denLippen fließen? Diese Sprachschöuheit ist ganz unvergleichlich. Frl. Ziegler ist vom tech-nischen Gesichtspunkte auS entschieden die größte Sprechküusilerin, die exiftirt. Nimmt maus hiezy ibrc imposante Erscheinung, ihr großes feuriges Auge, ihr normal schönes Antlitz, dievollendete Plastik ibrer Attitüden, deren jede ein Modell sür>inso Bildhauer sein könnte, die, Corrcctheit der Auffassung bei der noch frischen Gluth der Genialität, noch nicht verkühlt

^ durch objectiven Verstand uud blasirte Virtuvsenroutine, so ist es kein Wunder, daß ihre Dar-

i stellsug einen überwältigenden Eindruck bewirken muß. Und was wir nicht hoch genug au-

j schlagen können, Frl. Ziegler scheint uns berufen, die Kluft zwischen dem augenblicklich herr-

z sehenden Realismas und dem süßlichen inhaltslosen Idealismus einer vorausgegangen Periode

auszufüllen und iu einem versöhnenden Gleichgewicht beider den höchsten Ausdruck der Kunst' zu verkörpern.

s Was sagen wir von dem Eindrucke, den Frl. Ziegler als Medea erzielte? Mit dem

« festen boshaften Vorsätze, alles nur einigermaßen Tadelnswerthe aufzuspüren, waren wir zuri Vorstellung gegangen; dabxn wrr doch seinerzeit Dawiscu, H-ndrichS und ankeren Virtuosens selbst enthusiastiicheu Anbetern gegenüber rücksichtslos Charlatanerie und Coulrsseureißerei nach-

> gewiesen. Nach dem ersten Akte der Medea glaubten wir die Deklamation einzelner Verseals zu gedehnt, das Hinabsteigen in die wunderbar klangvolle Tiefe als zu schnell und häufigrügen zu dürscu, jedoch die edle Vollendung der Technik hiebei schlug uns ins G wissen. Imzweiten Akt dagegen ergriff uns die Gewalt der Darstellung so mächtig, daß wir Leu Kritikus

s und uns selbst ganz vergaßen. Höher und höher stiegen die Wellen der Leiden chaft und unserer

j Bewunderung. Wie mit tausend feurigen Zungen leckten Eifersucht und Haß an der giganti-

schen Gestalt dieser Medea empor, vrkauäholich, Alles vor sich nieder chmetterud. brach ihr

> Grimm los, iu Allem von dem Momente an, wo zum erstenmal ihre ungezügelte Seele in den

l Strahlen der griechischen Souue austtzaut und doch die wilde Natur nicht verläugnen kaun,

bis zu dem furchtbaren Wulhausbruche am Schlüsse war diese Medea ein unvergleichlich ge-, waltiges, entsetzliches Weib als vb Jedem der Tod von ihrer Hand drobte, wagte mau

, kaum zu athmen uud erst mit dem Fallen des Vorhauges entlud sich die fieberhafte Spannung

der Zuhörer in eine söimlicheBeifallsraserei, wie wir eine ähnliche noch selten in einem Theatererlebt baden und wir rasten unwillkürlich mit.

< Bei alledem beruht der Erfolg dieses Altes mehr aus der äußerlichen Größe der Aktion.

Deu tiefsten Eindruck, der uns diesmal und überhaupt bis jetzt von der Buhne gewviden,' empfingen wir im dritten und vierten Akt. Mau könn Gcwaliigeres gesehen haben, doch nie

! so schauerlich Schönes und Harmonisches. Die zu mäuvlich ertönende Stimme der Rachel, die

zu absichtsvoll dervortrelerden Stellungen der Ristori erregten uns trotz aller Bewunderungimmer ein lerieS Mißbehagen. Bei Clara Ziegler dagegen folgt man mit einer gewissen-, monischen Billigung der Seele Medeas in den tiefsten Abgrund des Elends, der Verzweiflung,der.verbrecherischen Rache. Mehr als einmal stockte urs der Aibem, das Auge verbot deul Wimpern zu zucken, als sie sich mit unerbittlicher Consegnenz zum Mord der Kreusa und dereigenen Kinder entschloß, da der verschmähten Mutterliebe einer Medea eben nichts übrigbleibt, als die Vernichtung dieser Kinder, die mit den zärtlichsten Schmeich leien nicht mehrvon der Seite der Nebenbuhlerin zu locken waren. Und die Schlußscene! Medea war keinegebrochene Sünderin, sondern eine durch ein surchtbares, selbstverschuldetes Unglück nieder-gebeugte Heldin, die sich der ganzen Schwere ihrer Verbrechen bewußt ist. Die Einfachheitund majcstäti.che Ruhe, mit der sie die versöhnenden Verse zu Jason sprach, war ergreifendund doch aufrichtend; wir fühlten noch einmal die gaoze Gewalt des furchtbaren Schicksals,aber trotzdem athmeten wir erleichtert auf. Ein Gefühl überkam uns, wie nach ein-m Ge-witter, das ringsum Verderben ausgesandt, aber dennoch die Lust von der drückenden Schwülebefreit hat. Der Zorn der Götter kann die große Colcherin strafen mit schwerer Buße, abersie zu vernichten wäre ungerecht. Wir glaubten es Medea , daß sie Versöhnung zu finden hofftam Llta zu Delphi.

Warum lieben denn alte Jungfern die Katzen so sehr?" fragte ein junger Witz-üsl. eine ältliche Dame.Weil sie sich in Ermangelung von Ehemännern an das"ächt? falsche und selbstsüchtige Geschöpf hängen," war die Antwort.

Druck, Verlag und Redaktion des Lttrrurische»'Jristiturr von vr. M. Huttler.

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