(Ein Witz von Abraham a Santa Clara .) Vor hundert Jahren trugen»Üe Damen des Wiener Hofes so tief ausgeschnittene Kleider, daß Abraham a SantaClara dagegen von der Kanzel herab eiferte und mit den Worten schloß: „Weiber, diesich so sehr entblößen, sind nicht werth, daß man ihnen in's Gesicht spukt." Die Kaiserin,darüber ergrimmt, ließ ihm sagen, daß er sein Amt verlieren würde, wenn er dieß nichtwiderrufe. Am nächsten Sonntag that er es folgendermaßen: „Ich sagte neulich:Weiber, die sich so entblößt tragen, seien nicht werth, daß man ihnen in's Gesicht spukt pdies widerrufe ich hiemit feierlich und erkläre: sie sind eS werth!"
2 Sonntag den 19. Dezember gastirte die k. Hofschauspielerin Fräulein Clara Zieglervon München am Stadlthcater in Augsburg als „Medea " in dem gleichnamigen vieraktigeuTrauerspiele von Grillparzer .
Diese Grillparzer 'sche Medea hat vor jener des Enripides voraus, daß sie unseremMitgefühle näher steht, weil sie nicht allein als leideuschastliches dämonisches Weib, nichtallein als schuldbeladene Verbrechers» und racheschnaubende Furie erscheint, wndern auch. undsogar vorwiegend, als in ihren heiligsten Gefühlen gekränkte Liebende, als Dulderin, welchedurch das auf sie hereinbrechende Elend zum Schrecklichsten getrieben wird. Wir schaudern,wenn ihre mühsam zurückgedrängte wilde Natur in Folge der Kränkungen immer wiederaus's Neue hervorbricht, wir können sie aber nicht absolut verurtheilen. Gr,llparzer hat dembarbarischen Zauberweid mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, als die griechischen Dichter,welche die Fremde wohl aus nationalen Gründen als das verabscheunngswurdigste Ungeheuerzeichnen mußten. Unser Dichter motivirt alle Verbrechen Medcas durch ihre Liebe zu Jasou.Diese Liebe treibt sie, den Vater zu verrathen, den Tod des Bruders zu dulden und selbstder Tod des Oheims ihres Gemahls ist, wenn er ihr überhaupt zur Last fällt, nur JasouSwegen von ihr bereitet. Grillparzcrs Medea ist nicht die wilde Colcherni, die e Medea suhltvielmehr wie eine Europäerin unserer Zeit, wie ein seines Werthes bewußtes gewaltigesWeib. das der Liebe ihres Mannes Alles dahin gegeben hat und jetzt einsieht, daß sie einemUnwürdigen ihr Vaterland, ihre Blutsverwandten, sich selbst geopsert hat. Furcht und Mit-leid mit ihr ergreift uns, und schon ehe das Schrecklichste geschieht, faßt uns die Ahnung desfurchtbaren Ausgangs, ein Beweis, daß unser Rechtsgefühl ihr Concessionen macht
Bevor mir zur Darstellung übergehen, müßen wir uns einige Worte über die Technikunserer Künstlerin erlauben. Shakespeares Fundamentalsatz für die Kritik der Vortrags-weise lautet bekanntlich: „Ich bitte Euch, haltet die Rede leicht von der Zunge weg, dennwenn Ihr den Mund so voll nehmt, wie Viele unserer Schauspieler, möchte ich meine Verseeben sv gern von dem Ausrufer hören." Die Art und Weiss, wie Frl. Ziegler den G-istdieser Worte erfüllte, verdiene allein schon Bewunderung. Sie besitzt die Kunst, in denbedeutendsten, erhabensten Momenten die Sprache leicht, ohne irgend sichtbare physische An-strengung von den Lippen fließen zu lassen und das ist das größte^Geheimniß der Redekunst.Ihr zweites Geheimniß ist nicht etwa der höchste Wohllaut ihrer «spräche, — der natürlicheKlang ihres Organs allein, sondern die Gewandtheit, mit der sie die seltene Kraft und Bieg-samkeit dieses Organs verwerthet. Die Künstlerin vermag in den schwierigsten, ihren glän-zendsten, Momenten die Stimme, trotz ihres Umfangs, mitten im hastigsten Sturm der dahiu-brauienden Leidenschalt in wenigen Tönen zusammen zu halten, sie bringt die Betonung alleindurch die Abwechslung von Forte und Piano hervor; sie erhält die tonlosen Silben fastganz auf derselben Tonhöhe, und gewährt auch, wenn sie meuru vooa spricht, dem unver-dorbenen Ohr eine Musik der Sprache, die unmittelbar aus der Seele qmllt und deren tief-innerstes Walten offenbart. Im höchsten Pathos dagegen verst ht sie den vollausklingendeuTon nicht nur musterhast zu halten, sondern auch unnachahmlich schön zu tragen und dendritten Hebel zu einer keiner Steigerung versagenden Beredsamkeit, eine unvergleichlich-Athemsühruug zu kaum geahnten Wirkungen zu verwerihcn. Tcnhalten, TontragenAthmung holte» wir aber für die bedeutendsten Faktoren der Redekunst. So gewaltig-r-schüttelnd und markdurchdringend in den wilden Ausbrüchen der Leidenschaft, so bezaubrnomilde ist ihre Rede, wenn sie gewinnen, wevu sie rühren Will. In Leu süßen Worten, nntdenen sich Medea im dritten Akte noch einmal den Gatten zurückzuschnnicheln versucht,. ,chreusie nicht nur der ganzen lauschenden Menge, sondern sogar dem Darsteller des Jajox selbstdas Herz aus der Brust zu schmeicheln. Wem ging eS nicht tief in die Seele, als sie rmzweiten Akt mit wachsender Erfersucht die Aufmerksamkeit Jasous von Kreusa hinweg auf sich