Ausgabe 
29 (26.12.1869) 52
 
Einzelbild herunterladen

s? -s

s

(Zwei Sonntage in der Woche.) In der neuesten Nummer der Zeitschrift;Die Natur" veröffentlicht Dr. Ule folgende interessante Notiz: Bekanntlich verliert manauf keiner Reise um die Erde, wenn man dem Laufe der Sonne folgt, einen ganzenTag. Dasselbe geschieht natürlich auch, wenn Völker wandern und wenn sie dann, nachentgegengesetzten Richtungen ausgezogen, inmitten ihrer Wanderung etwa an den Uferneines Meeres zusammentreffen und jedes seine gewohnte Zeitrechnung mit sich bringt undbeibehält, so geschieht es, daß das eine seinen Sonntag feiert, wenn das andere nochseinen Sonnabend hat. Ein solches Zusammentreffen vokl Völkern von verschiedenenRichtungen her hat besonders an den Küsten des nördlichen Stillen Ozeans stattgefundenwo die Russen nach Osten, die Amerikaner nach Westen hin die Küsten erreicht habenund wo es sich nun um so auffallender geltend macht, seit das frühere russische Amerika in den Besitz der Vereinigten Staaten Nordamerikas übergegangen ist, ohne daß mandie alte russische Zeitrechnung aufgegeben hat. Ein gut gesinnter Bürger Amerikas hat es daher in seiner Macht, sich zwei Sonntage in jeder Woche zu machen, neben demallgemein gefeierten russischen auch noch den amerikanischen am Montag zu feiern. Freilichkann das auch für die Geschäfte recht störend werden. Kommt er nämlich von Sau Francisko,wie eine kalifornische Zeitung sagt, in Sitka der Hauptstadt von Alaska, dem ehemaligenrussischen Amerika , nach seiner Berechnung am Freitag Abend an, so findet er am nächstenMorgen die Läden geschlossen und alle Geschäfte unterbrochen. Er verliert dann nichtbloß diesen Tag, sondern auch den nächsten dazu, wenn er aus Gewohnheit oder ausUeberzeugung seinen Sonntag feiern will. Auf der anderen Seite wird der frommeKaufmann aus Alaska ihm heutigen Sitka mit wahrem Abscheu sehen, daß der gottloseAmerikaner am Sonntag Kattun mißt oder Messer schleift, am Montag Morgen aberPlötzlich ein reines Hemd anzieht, einen schwarzen Frack anlegt, durch die Nase sprichtund jene feierliche und selbstzufriedene Miene annimmt, die der nationale Ausdruck fürreligiöse Stimmung in Amerika ist.

L

ii

r

1

e

r

i

r

>

l

1

1

«

Weihnachts-Abend.

ES schlingen sich die alten Kreise wieder,

Die alte Freude klopft an uns'rc Brust,

Und an des Baumes Zweigen auf und niederSucht unser Blick der Kindheit süße Lust.

Ersehnte Stunden, hoffnungsreiches Dunkeln,Wo jeder Lichtstrahl nächstes Glück uns malt.Wo nun der hundert Lichter buntes FunkelnMit eins dem überraschten Auge strahlt.

Seht ihr die Engel nicht vorübersliegcn?

Sie zündeten ja selbst die Lichter an,

Und wie sie froh verbreitet vor euch liegen,

Die Gaben alle rief ihr Wink heran.

Wohl fliegen Engel auch durchs spät're LebenUnd zünden Frcudenlichter um uns an,.

Zhr Gruß heißt Liebe, ihr VorübcrschwebenEs kündet sich in frohen Herzen an.

Beglückt, wer ihren leisen Gruß vernommen,Ihm wird die heil'ge Flamme nie verglühn.Der Kindheit Lust ihm ewig wieder kommenUnd aus dem Wintergrün ein Frühling blüh'«.