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nach dem Oued Nhir und noch unter ihm wegzieht. Undin diesen Flußläufen bewegen sich die Fische usw. ebensoleicht wie in den Gewässern an der Erdoberfläche. Aufdiese Weise würden sich ja die Wanderungen der Fischeund Krabben sehr leicht erklären. Und solche unterirdi-schen Wasserläufe finden ja noch an manchen anderenStellen der Erde ihr Gegenstück und konnten hier durchallmälige Auslaugnng von Gips, welcher stellenweise inziemlich dicken Schichten die tieferen Lagen durchsetzt, ent-standen fein. Nach Ins sollen die unterirdischen Gewässerdes Oued Nhir etwa 120 Kilometer weit in einer durch-schnittlichen Tiefe von 65 Metern unter der Erdoberflächedahinfließen. Sie machen ihre Biegungen und Windungenwie jeder oberirdische Fluß, der sich durch ein Thal hin-durchschlängelt. Es ist dies ein unterirdischer Nil, dessenBreite von 4 bis zu 14 Kilometern wechselt, dessen Ge-wässer sich unter der Erde spalten und verzweigen undso gleichsam Inseln bilden. Freilich darf man sich diesesunterirdische Flußgebiet nicht mit festen Ufern begrenztdenken, sondern wasserführende Sandschichten, sozusagenSümpfe und kleinere Wasseradern und Wasserbecken bildenseitwärts eine mehr oder weniger deutliche Grenze. Wiedie Adern im menschlichen Körper sich immer mehr undmehr verzweigen, bis schließlich das Blut das ganze Ge-webe in feinsten Gefäßen durchtränkt, so verliert auchdiese mächtige unterirdische Wasserader sich allmälig indurchlässige Erdschichten als feinste Gerinnsel, aus denensie ja auch entstand, und verdunstet, wo sie sich der Ober-fläche nähert. Manche Reisende haben schon die Ansichtgeäußert, daß dieses mächtige unterirdische Gewässer deralte Fluß Jgharghar sei, der nach dtzr Ueberlieferung derBerber in weit zurückliegenden Zeiten diese Ebene durch-stoß, aber schließlich im Sande verschwunden ist.

Neuere Untersuchungen haben nun gezeigt, daß dieaus den artesischen Brunnen ausgeworfenen Wässer nichtfrei von Sand sind; es kann sich also nicht um Wasser-läufe handeln, die allein durch Auflösen von Gipsschichtenentstanden sind, sondern um wasserhaltige Sandschichten,durch die das Wasser hindurch filtrirt. Große Streckensolcher Sandschichten würden aber schließlich auch diekleinsten organischen Lebewesen zurückhalten, viel wenigeralso große Fische durchlassen. Da nun aber die unter-irdischen Thiere denselben Arten angehören, die jetzt nochin den oberirdischen Wasseransammlungen leben, so mußdoch ein Zusammenhang, sei es in Gestalt von Röhrenoder Kanülen, mit den Gewässern der Oberfläche ange-nommen werden. Der französische Geologe Georges Rollandhat diesen Widerspruch in folgender Weise zu klären ver-sucht. Dieselben unterirdischen Gewässer, welche, in denartesischen Brunnen angebohrt» ihre Gewässer unter Drucknach oben pressen, speisen auch die natürlichen Quellen,deren Gewässer zu Seen und Teichen an der Oberflächesich aufgestaut haben, indem die unterirdischen Gewässersich vermöge des Druckes, unter dem sie stehen, durch ge-eignete Erdschichten selbst einen Weg nach oben bahntenund natürliche Quellen bildeten oder Erdsenkungen so langeanfüllten, bis das Wasser als See oder Teich dem unter-irdischen Druck das Gleichgewicht hielt. Auf ihren Wan-derungen gelangen nun die Thiere durch die Qucllkanüle,die die Bchour, wie der Berber die oberirdischen Seennennt» mit dem unterirdischen Wasserbecken verbinden, inletzteres selbst, das mehr oder weniger große Kammernbildet, die als natürliche Hohlrüuwe vorgebildet gewesenoder später durch Auslaugung oder Strömungen entstanden

sein mögen. Durch Vermittlung dieses Systems unter-irdischer Kanäle wandern nun die Fische von einem Vehr(Mehrzahl Bchour) oder Chria-Nest, das ist Teich, inden anderen. Gerathen sie dabei in die Strömung einesartesischen Brunnens, so werden sie nach oben gerissen.

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Das finstere Miitelalter."

Mit besonderer Vorliebe wird unsere Zeit die Zeitder Aufklärung, die Hochburg der Wissenschaft, das Zeit-alter großer Erfindungen genannt, und nicht ganz mitUnrecht. Wenn man dann nur nicht im gleichen Augen-blicke mit Verachtung auf dasfinstere Mittelalter"zurückzuweisen und mit dem w ssenschaftlichen Glanz unsererTage die Bildung und Wissenschaft des Mittelalters zuverdunkeln bestrebt wäre, dann wäre ja alles recht. Alleinin blinder Selbstsucht und Ueberhebung der jetzigen Zeitund mit stolzer Aufblähung nennt man die Männerfrüherer Jahrhunderte kleine, beschränkte Geister im Ver-gleiche zu denLichtern" unserer Tage, und das ist einschweres Unrecht, hervorgehend aus Unkenntniß, oder eineFolge leidenschaftlicher Voreingenommenheit.

Im gegenwärtigen Jahre feiert z. B. der vielgcrühmteund gepriesene Phonograph in seiner Idee ein 600jährigesJubiläum.Unmöglich!" wird ein verbissener Kultur-kämpfer ausrufen; denn er merkt, daß eine Mönchskutteim Spiele ist. Und er hat richtig vermuthet. Im Jahre1294 schloß ein Franziskanermönch die Augen, der wegenseiner außerordentlichen Wissenschaft, namentlich in Hin-sicht auf Alchymie und Physik,vootor mirudilis"(wunderbarer Lehrer) genannt wurde. Nach langemunermüdlichen Studium war es ihm gelungen, eine Sprcch-maschine oder einen sprechenden Automaten zu konstruiren,weswegen er für einen Magier ausgeschrteen wurde.Noger Baco ist der Name dieses Mönches, Jlchester inEngland ist seine Heimath. Noger wurde wegen seinerSprechmaschine 10 Jahre inS Gefängniß gesetzt, und derPapst hatte viele Mühe, dem Mönche seine Freiheit wiederzu verschaffen. Noger Baco war auch mit der Brechungder Lichtstrahlen in dichteren Materien bekannt, erfanddie Vergrößerungsgläser und schrieb Abhandlungen überdas Schießpulver. Vor 600 Jahren also wußte manschon von den Dingen, die heutzutage als eine ausschließ-liche Erfindung unserer Zeit prahlerisch verkündet werden.

Von 9991003 hatte Sylvester II. den päpstlichenStuhl inne. Wegen seiner außerordentlichen Kenntnissein der Mechanik, Mathematik rc. rc. galt er vielen, dieseine Erfindungen (z. B. Sonnenuhren, Erd- undHimmels-kugcln rc. rc.) nicht zu begreifen vermochten, als ZaubererHauptsächlich aber war es einsprechender Kopf" ausBronze, der ihm diesen Beinamen eintrug und ungeheuresAufsehen bei seinen Zeitgenossen erregte. Silvester (früherGerbert, Erzbischof von Reims und Navenna) hatte aufder muhamedanischen Hochschule zu Cordova studiert

Auch die herrliche Donaustadt Ncgensburg barg umsJahr 1280 einen Bischof, dessen hohe Wissenschaft ihmden Titel ^Doetor universalis" (Lehrer aller Wissen-schaft) eintrug. Es war Albert von Bollstädt , späterDominikanermönch Albertus Magnus . Er bildete ausThonerde einensprechenden Kopf" zur Zeit, als er inKöln lehrte und der spätere große Kirchenlehrer, der hl.Thomas von Aquin über den sprechenden Automaten soentsetzt wurde, daß er ihn mit einem Stocke zermalmte.