Lcssings litterarischer Nachlaß.
Glückwünschungsrede,
bey dem Eintritt des 4743stcn ZahrcS, von der Gleichheiteines Jahrs mit dem andern.")
Äie meisten alten Poeten und Wcltwciscn, hochzuehkcndcr Herr Va-ter/ haben geglaubt, daß die Welt von Jahren zu Jahren schlimmerwürde, und in einen unvollkommcuern Zustand verfiele. Wir könnenhieran nicht zweifeln, wenn wir uns erinnern, was ein HcsioduS, einPlato, ein Virgil, ein Ovid, ein Scncca, Sallust und Strabo vonden vier Altern der Welt geschrieben haben, und wie bemüht sie ge-wesen mit den lebhaftesten Farben die goldenen Zeiten unter dem Sa-turn, die silbernen unter dem Jupiter, die kupfernen unter den Halb-göttern, die eisernen aber unter den jetzigen Menscheu abzubilden. ESist zwar schwer, die eigentliche Quelle dieses sinnreichen Gedichts zuentdecken; cS kann seyn, daß diese Männer etwas vom Stande derUnschuld im Paradiese gehört haben; eS kann seyn, daß sie selbst ein-mal die heilige Schrift zu sehen bekommen haben, welche ihnen Gele-genheit zu ihren Fabeln geben müssen. Das ist aber gewiß, daß ihreganze Erzählung, so artig sie auch klingt, ohne Grund ist, und kaumeiner Möglichkeit, geschweige Wahrscheinlichkeit ähnlich sieht. Dennerstlich erzählen sie uns solches ohne Grund, ohne Beweis, ohne Zeug-niß. Hernach ist auch die Erzählung selbst so beschaffen, daß sie vonder Wahrheit sehr entfernt und keines Beifalls würdig zu seyn scheint.Ihre hochgcpriesencn goldenen Zeiten sind ein bloßes Hirngespinst.Wir sollen glauben, daß eitle und verderbte Menschen ohne alle Ge-setze, welche doch die Seele aller menschlichen Gesellschaften sind,weise, tugendhaft und glücklich gelebt haben. Sollte dies wohl mög-lich seyn? Wir sollen uns überreden lassen, daß eine tiefe Unwisscn-
°) G. E. Lessings Leben, nebst seinem noch übrigen litterarischen Nach-lasse, herausgegeben von K, G. Lcssing, Th. II (1795), S, IM-Lessings Werk« XI. 1