Sogenannte Briefe an den Herrn Doktor Walch. 587
wirklich geglaubt, daß ein Schriftsteller, welcher von gewissen Beson-derheiten der Kirche in den ersten vier Jahrhunderten spreche, nichteben sagen wolle, daß diese Besonderheiten gerade bis 399 gedauert.Ich habe wirklich geglaubt, daß, wenn man einen solchen Schriftstellergütlich behandeln wolle, man vorncmlich auf die Hauptmeynung sehenmüsse, die sich in dem lczten Viertel seiner ganzen Epoche zugetragen.
Doch was hätten Ew. Hochwürden mich so gütlich zu behandelnfür Ursache gehabt? Nachgebend ist man nur für seine Freunde, undmit wem wir nach der äussersten Strenge verfahren, der mag es sichselbst zuschreiben, daß er unter unsre Freunde nicht gehört. Auch wärees Thorheit, das Nachgeben weiter zu erstrecken, wo man sich selbstdadurch so viel vergeben würde.
Meine Thesis hätte offenbar nicht mehr und nicht weniger aufsich gehabt, wenn ich sie so ausgedrückt hätte: bis auf das NicäischeConcilium findet man keine Spur, daß die Kirche die heilige Schriftfür eine eigentliche Quelle ihrer Glaubenslehren gehalten. WaS aberhätten Ew. Hochwürdcn nicht verloren, wenn cS mir eingekommenwäre, mich so vorsichtig auszudrücken? Ihr Buch würde offenbar auffein Drittheil eingeschrumpft seyn, und das ist nun einmal Disputier-kunst, daß man seinen Gegner bey dem geringsten Excesse vorncmlichangreift, den cr sich entwischen zu lassen, das Unglück hat.
Freylich werden Ew. Hochwürdcn nunmehr sagen, daß diese nä-here Beschränkung meines SahcS nichts als ein elender Fechtcrstrcichsey, genannt Brechung der Mensur, durch den man einen Stoß nochgar abglitschen machen möchte, der schon sizr. Aber bey Gott ! das istsie nicht. Denn sehen Ew. Hochwürdcn; daß mit und nach dem Ni-cäischen Concilio die Väter der Kirche angefangen haben, der Bibeleinen hdhern Werth beyzulegen, und sie nach und nach so vorzustellen,als ob auch die eigentlichen Glaubens-Artikel daraus gezogen wärenund gezogen seyn müßten: das will ich so wenig leugnen, das ist mirfo wenig unbekannt gewesen, daß vielmehr dieser ncmlichc Unterschiedzwischen den Vätern vor der Nicäischcn Versammlung und zwischenden Vätern nach derselben eben das ist, was mich zuerst aufmerksamgemacht hat.
Dieser Unterschied, sagte ich mir, muß nothwendig eine besondereUrsache haben. Er kann nicht blos die Frucht einer allmäligcn Wur-zclgcwinnung der größer» Evidenz seyn. Denn er ist so auf einmal,so schnell! Acusserc Ursachen müssen ihn befördert haben.
Hier ficl mir bey, daß so wie alle Ketzer von jeher fleißig in derSchrift geforscht und ihnen von dieser Seite nichts vorzuwerfen gc-