Philologischer Nachlaß.
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wider die Hauptsache; die ganze Action steht auf einmal still, der Zu-schauer wird wieder kalt/ und seine Einbildungskraft, die ihm nichtsals die Gefahr der Crcusa schildern sollte, wandert unter den Sternen.
4. Noch giebt dieses Stück zwey merkwürdige Exempel, wie vie-len Unbequemlichkeiten der Chor bey den Alten unterworfen gewesen.Das erste ist dieses: Der Chor erfahrt, daß seine Gebieterin in Lebens-gefahr ist. Sollte er nicht sogleich sich auf alle Seiten zerstreuen, undsie suchen? Das zweyte ist gegen das Ende des Stücks. Minerva er-scheint in Gegenwart des ChorS- Sie entdeckt das Geheimniß, daß Ionnicht der Sohn des XuthuS, wofür ihn dieser hält, sondern derCrcusa und des Apollo sey. Gleichwohl soll XuthuS nichts davon er-fahren v. 4604. Zu verlange», daß etwas geheim bleiben soll, waS inGegenwart so vieler, und noch dazu Frauenspersonen, eröffnet wird,heißt eine Unmöglichkeit verlangen.
5. Zeile t17t. kommt ein schönes Exempel vom Lächerlichen vor.Ein alter Mann, der kaum gehen und einen Fuß vor den andernsehen kann, wie er Zeile 74o erscheint, übernimmt es, bey der Tafelaufzuwarten und den Gästen einzuschenken, welches sonst das Amteines jungen rührigen Jünglings ist. Daher er auch z-kXuv k'^x-<7viS«t«ot? «o>^„'. Aber worüber die Gäste lachen, darüber würdendie Zuschauer gezittert haben. Denn der Zuschauer weiß cS, aus wel-chem grausamen Vorsahe sich der Alte diesem Amte unterzieht.
K- Die Sitten in diesem Stücke würden iht auf vielerlei) Weiseanstößig seyn. Eine Frau, die so kläglich -» c»' (V-7ö5.) schreyet,weil sie keine Kinder bekommen soll, ein Mann, dem ein Bankbeinvon seiner lieben Frau so künstlich untergeschoben wird, sollten un-sern Zuschauern sehr lustig vorkommen.
Aber der Alte, der der Creusa solche rasende Anschläge giebt, denTempel anzuzünden und ihren Gemahl umzubringen, der sich selbstzur Ausführung der schändlichsten That gebrauchen läßt, ist eine wahreMißgeburt des Dichters. Was war cS nöthig, einen Alten dazu zunehmen? Vielleicht zwar, daß es bey den Griechen genug dergleichenAlte gab, die ehemals Sklave» gewesen, und aus blinder Dankbarkeitgegen ihre Herren dergleichen Rollen zu spielen fähig waren. — Aberes sey, wie ihm wolle: cS ist widerwärtig, einen Greis zu sehen, derdas grausame Werkzeug einer vor Eifersucht wüthenden Frau wird.
7. Die Götter und die damals nugeiiommene Religion mißhan-delt EuripidcS gewaltig. S- 339. 34t. besonders 436 f. Ich kannmir kaum einbilden, wie das Volk dieses Ratsonnemcnt ohne dengrößten Unwillen hat anhören können.