Druckschrift 
11 (1839)
Entstehung
Seite
751
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Sclbstbetrachtungcn, Einfälle und kleine Aufsätze. 761

Ich wünschte, daß ich mir, vom Anfange an, alle Lobsprüchc undalle Tadel und Schmähungen, die ich und meine Schriften im Druckerhalten habe/ jede in ein besonders Buch zusammengetragen hätte:um das eine zu lesen, wenn ich mich zu übermüthig, und das andre,wenn ich mich zu niedergeschlagen fühle.

Das Wort Zeitvertreib sollte der Name einer Arzney, irgendeines OpiatS, eines Schlafmachcnden Mittels seyn, durch das unsauf dem Krankenbette die Zeit unmerklich verstreicht: aber nicht derName eines Vergnügens. Doch kommen wir denn nicht auch öftersin Gesellschaften in welchen wir aushalten müssen, und in welchenuns die Zeit eben so unerträglich langweilig wird, als auf dem Kran-kenlager? Der Sprachgebrauch hat immer seinen Grund. Nur sollteman diesem zufolge das Wort auf diejenigen Ergötzungen und Zer-streuungen einschränken, die wir in solchen Gesellschaften, nicht aber,die wir vor uns allein vornehmen

Der Recensent braucht nicht besser mache» zu können,was er tadelt.

Tadeln heißt überhaupt, sein Mißfallen zu erkennen geben.

Man kann sich bei diesem Mißfallen entweder auf die bloße Em-pfindung berufen, oder seine Empfindung mit Gründen unterstützen.

Jenes thut der Mann von Geschmack- dieses der Kunstrichter.

Welcher von ihnen muß das, was er tadelt, besser zu machenversteh»,?

Man ist nicht Herr von seinen Empfindungen! aber man istHerr, was man empfindet, zu sagen. Wenn einem Manne von Ge-schmack in einem Gedichte oder Gemählde etwas nicht gefällt: mußer erst hingehen, und selbst Dichter oder Mahler werden, ehe er esheraussagen darf: das gefällt mir nicht? Ich finde meine Suppeversalzen: darf ich sie nicht eher versalzen nennen, als bis ich selbstkochen kann?

Was sind die Gründe des KunstrichierS? Schlüsse, die er ausseinen Empfindungen, unter sich selbst und mit fremden Empfindungenverglichen, gezogen und auf die Grundbegriffe des Vollkommncn undSchönen zurückgeführt hat.

Ich sehe nicht, warum ein Mensch mit seinen Schlüssen zurück-haltender seyn müsse, als mit seinen Empfindungen. Der Kunstrichtcr