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Selbsibetrachtungen, Einfälle und kleine Alifsähe,
empfindet nicht blos, daß ihm etwa-- nicht gefällt, sondern er fügtauch noch sei» denn hinzu. Und dieses denn sollte ihn zum Besser-machen verbinden? durch dieses denn müßte er grade des Bessern»^chenö überhoben seyn können.
Freylich/ wenn dieses denn ein gutes gründliches denn ist; sowird er leicht daraus herleiten können/ wie daS/ was ihm mißfällt,eigentlich seyn müßte, wenn cS ihm nicht mißfallen sollte.
Aber dieses kann den Kunstrichtec höchstens verleiten, einen Fin-gerzeig auf die Schönheit zu geben, welche anstatt des getadelten Feh-lers da seyn könnte und sollte.
Ich sage verleiten: denn verleitet wird man zu Dingen, zu wel-chen man nicht gezwungen werden kann, und zu Dingen, welche übelauSschlagen können.
Wenn der Kunstrichter zu dem dramatischen Dichter sagt: anstattdaß du den Knoten deiner Fabel so gcschürzct hast, hättest du ihn soschürzen sollen; anstatt daß du ihn so lösest, würdest du ihn besser sogelöset haben: so hat sich der Knnstrichter verleiten lassen.
Denn Niemand konnte es mit Recht von ihm verlangen, daß ersich so weit äuserte. Er hat seinem Amte ein Genüge geleistet, wenner blos sagt: dein Knoten taugt nichts, deine Verwicklung ist schlecht,und das aus dem und dem Grunde. Wie sie besser sevn könnte, magder Dichter zusehen.
Denn will er ihm helfen, und der Dichter will sich helfen lassen,und geht hin, und arbeitet nach den Anschlägen des Kunstrichters »m:eS ist wahr, so ist ihm der Dichter und der Leser Dank schuldig, wenndie Umarbeitung gelingt: — aber wenn sie nicht gelingt?
So fehlt auch nicht viel, die ganze Schuld fällt auf ihn allein.Und nur in diesem Falle dürfte er, um seine Meynung zu rechtfertigen,genöthigt seyn, den Pfuscher von der Staffclev wegzustoßen, und selbstPinsel und Pallct in die Hand zu nehmen.
„Glück zur Arbeit! Eben hier haben wir dich erwartet, guter„Mann! Wenn du fertig bist, alsdenn wollen wir vergleichen!"
Und wer glaubt nicht, vergleichen zu können!
Wehe ihm, wenn er nur schlecht und recht verbessert hat; wenner es genug sevn lassen, Fehler zu vertilgen; wenn cS ihm nicht ge-lungen, uns für jeden mit einer ganz neuen, ganz unerwarteten Schön-heit zu überraschen!
Was für ein Arzt, der einen Blinden bloß sehen macht, und ihmnicht zugleich, statt der matten grauen Augen, die ihm die Natur be-stimmte, schöne blaue oder feurige schwarze Augen ertheilt!