Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
27
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I. Theil. Vreyzehntcr Brief.

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ben Ver Christen, für mich selbst, und mit andern gelesen,und wie lebhaft mich diese herzrührcndc Selbstgespräche in demGlauben der christlichen Religion unterhalten haben."An diesem Orte, sage ich, hätte er fortfahren sollen: Das istnun zwar alles wahr, mein Herr; aber doch werden Sie mirerlauben, Ihnen zu sagen, daß Sie deswegen noch lange keinNorvaloue sind, noch lange kein Trublel! O der grosse Crnblct!

Aber ich glaube, ich fange an zu spotten; und das mochteich nicht gern, Wenn uns nur Herr IVieland auch gesagthätte, warum denn nun unsere XNosheims und Sacks, un-sere Jerusalems und Trainers, gegen jene Franzosen garnicht in Betrachtung kommen? Die Franzosen , ohne Zweifel,haben eine blühendere Sprache; sie zeigen mehr Witz, mehrEinbildungskraft; der Virtuose spricht mehr aus ihnen; siehaben die körperliche Beredsamkeit bey ihren vortrcflichc» Ko-mödianten zu lernen Gelegenheit gehabt. Alles Eigenschaften,die dem geistlichen Redner nothwendig sind, der mich eine halbeStunde angenehm unterhalten will, und die ich demjenigengern erlasse, der mehr als dieses sucht, und es seinem Amtefür unanständig hält, auf meinen Willen zu wirken, ohiie vor-her meinen Verstand erleuchtet zu haben. Der wahre Gottcs-gclchrte weis, daß er auf der Kanzel den Redner mit demLehrer zu verbinden habe, nnd daß die Kunst des erstem einHülfsmittel für den letzter», nie aber das Hauptwerk seyn müsse.

Herr IVielano ist ja sonst weit mehr für die Engländerals Franzosen eingenommen. Wie kömmt es denn aber, daßer nur hier diese jenen vorzieht? Hier, in der Beredsamkeit,die man doch, nach seinen eigenen Grundsätzen, bey den Fran-zosen , wegen ihrer despotischen Regicrungsart, die ganz gewißihren Einfluß auch bis auf die Kanzel crflrckt, am wenigstensuchen sollte? Kömmt bey ihm clwa auch ein Tillotson gegendie Bourdaloue und Trublcrs noch nicht in Betrachtung^Sind ihm jenes Dcmosthenische Reden, nach der sich unseregeistlichen Redner zuerst gebildet haben, vielleicht auch noch zuöde, zu unfruchtbar, zu dornicht? Ist ihm nur der dergrößte Redner, der die Affekten seiner Zuhörer am geschwinde-sten erregen kann?