Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
28
Einzelbild herunterladen
 

28 Briefe, die neueste Litteratur betreffend.

Zch babc nur erst neulich eine scbr vortreffliche Stelle überdiese Materie gelesen. Sie stehet in einer neuen Schrift, dieuns gleichfalls aus der Schweiß" gekommen ist, daher mandem Herr IViclano um so viel eher darauf verweisen könnte.Erlauben sie mir, meinen Brief damit zu bereichern. Einvornehmer Thcologus schreibet an einen jungen Geistlichen:

Ich habe, sagt er, denjenigen Theil der Redekunst betrachtet,welcher mit Regung der Ilffcktcn umgehet; und ich weis, daß dieseKunst bey den Gottesgclehrtcn sowohl, als bey den fanatischen nndenthusiastischen Predigern in grosser Hochachtung ist, und daß manviel Fleiß drauf wendet.

Die zwey grossen Redner in Griechenland und Rom , Demosthe-ncs und Cicero , beyde Temagogi in einer democratisch eingerichtetenRepublik , sind dennoch in Ausübung dieser Kunst sehr von einander unterschieden.

Der erste, welcher mit einem politern, gelehrter» und witzigernVolke zu thun hatte, setzte den größten Nachdruck seiner Beredsamkeitin die Stärke seiner Beweisgründe, und suchte also hauptsächlich denVerstand zu überzeugen. Tullius hingegen sahe mehr auf die Nei-gungen einer aufrichtigen, nicht so gelehrten und lebhaften Nation,und blieb deswegen bey der pathetischen Beredsamkeit, welch« dieAffekten erreget.

Allein das Vornehmste, welches man hicbcy beobachten muß, istdieses, daß diese Redner in allen ihren Reden ein besonderes Vor-haben hatten; denn bald suchten sie die Vcrmtheilung oder LoSsvrc-chung einer angeklagten Person, bald wollten sie das Volk zumKriege bereden, bald bemühten sie sich ein Gesetz einzuführen, unddergleichen; und alles dieses wurde gleich auf der Stelle ausgemacht,nach dem der Vortrag des Redners Beyfall fand. Hier war cS un-umgänglich nöthig, die Affekten der Zuhörer entweder zn erregen,oder zu besänftigen, insonderheit zu Rom , wo Tullius war. Mitdieses letzten Schriften machen sich junge Geistliche (ich meine die,welche AutorcS lesen) insgemein mehr bekannt, als mit des Dcmo-sthcncs seinen, welcher doch jenen in vielen Stücken übertraf, wasinsonderheit die Redekunst anlanget. Allein ich kann nicht sehen,

° Moralische Beobachtungen und Urtheile. Zürich , bey Orcll, nndCompagnie, 1757. in 8vo.