I. Theil. Dreyzehnter Brief. 29
„wie die Kunst, die Affekten zu erregen, von grossem Nutzen seyn„könne, wenn man die Christen unterrichtet, wie sie ihren Wandel gebüh-rend anzustellen haben, wenigstens in unsern nördlichen ölimatibus,„wo ich gewiß versichert bin, daß auch die gröste Beredsamkeit von„dieser Art wenig Eindruck in unsre Gemüther haben wird, ja nicht.einmal so viel, daß die Wirkung davon sich nur bis auf den andern„Morgen erstreckte.
„Was mich aber insonderheit veranlasset, die Art zu predigen, da„man nur die Affekten zu rühren sucht, zu verwerfen, ist dieses, weil„ich gesehen habe, wie schlechten Vortheil dieselbe geschaft. Ich kenne„einen Herrn, welcher dieses als eine Regel beobachtete, daß er alle„die Paragraphen überhüpftc, zu deren Ende er ctwan ein I^unoluul„ exelamrUiouIs gestellt hatte. Ich glaube gewiß, daß diejenigen Pre-diger, welche in lauter L^i^Iionemalinus predigen, wenn sie sich„umsehen, einen grossen Theil ihrer Zuhörer in der Unachtsamkeit,„und einen grossen Theil schlafend finden werden.
„Und es ist auch kein Wunder, daß ein solches Mittel nicht alle-„mal anschlägt, Massen es so viel Kunst und Geschicklichkcit erfor-dert, wenn man es darin zu einiger Vollkommenheit bringen will,„als mancher nicht im Cicero findet, geschweige aus hm lernet.
„Ich bitte euch daher gar sehr, diese Kunst (im Fall ihr ja un-glücklicher Weise euch bereden solltet, daß ihr dieselbe besässet) sehr„selten, und mit aller möglichen Behutsamkeit zu gebrauchen :c,"
Es wohnet mir eine dunkle Erinnerung bey, diese Gedan-ken bereits anderswo gelesen zu haben. Doch dem sey wie ihmwolle; der Schriftsteller, aus dem ich sie itzt entlehne, machtfolgende Anmerkung darüber.
„Es ist nicht zu leugnen, sagt er, daß diese Stelle von einer gros-„sen Einsicht dieses Eottcsgclchrten in die Wirkung der geistlichen Be-redsamkeit auf das menschliche Gemüth zeuget. Allein ist wohl keine„Gefahr bey seinem Rathe, daß die Leute, äum viwnt vltia, Nulli„in oontraria curiunt? Mich bedünkt, die größte Kunst würde seyn,„das Gründliche und das pathetische (wo es die Natur der Sache„erlaubt) dergestalt mit einander zu verbinden, daß dieses letztere stets„seinen Grund in der Vorstellung des ersten behielte."
Sehr wohl! — Und eben diese so schwere Verbindung desGründlichen und Pathetischen ist es, die unsern XNosheim