l. Theil. Siebzehnter Brief.
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Auch nach den Mustern der Alten die Sache zu entscheiden,ist Sharespcar ein weit grösserer tragischer Dichter als Corneille;obgleich dieser die Alten sehr wohl, und jener fast gar nichtgekannt hat. Corneille kömmt ihnen in der mechanische» Ein-richtung, und Shakespear in dem Wesentlichen näher. DerEngländer erreicht den Zweck der Tragödie fast immer, so son-derbare und ihm eigene Wege er auch wählet; und der Fran-zose erreicht ihn fast niemals, ob er gleich die gebahnten Wegeder Alten betritt. Nach dem Gedipus des Sophokles mußin der Welt kein Stück mehr Gewalt über unsere Leidenschaftenhaben, als Othello , als König L.ecr, als -Hamlet zc. HatCorneille ein einziges Trauerspiel, das Sie nur halb so ge-rührct hätte, als die ?a>'re des Voltaire? Uud die Za)'re desVoltaire, wie weit ist sie unter dem Mohren von Venedig,dessen schwache Copic sie ist, und von welchem der ganze Cha-rakter des Grosmans entlehnet worden?
Daß aber unsre alten Stücke wirklich sehr viel Englischesgehabt haben, könnte ich Ihnen mit geringer Mühe wcitläuftigbeweisen. Nur das bekannteste derselben zu nennen; DoccorFaust hat eine Menge Scenen, die nur ciu ShakcspcarschcsGenie zu denken vermögend gewesen. Und wie verliebt warDeutschland , und ist es zum Theil noch, in seinen Dockor Faust!Einer von meinen Freunden verwahret einen alten Entwurfdieses Trauerspiels, und er hat mir einen Auftritt daraus mit-getheilet, in welchem gewiß ungcmcin viel grosses liegt. SindSie begierig ihn zu lesen? Hier ist er! — Faust verlangt denschnellsten Geist der Hölle zu seiner Bedienung. Er macht seineBeschwörungen; cs erscheinen derselben sieben; und nun fängtsich die dritte Scene des zrve^tcn Auszugs an.
ss. Band II, S. 491.1
Was sagen Sie zu dieser Scene? Sie wünschen ein deut-sches Stück, das lauter solche Scenen hätte? Ich auch! Fll.
Achtzehnter Brief.
Sie haben gefunden, daß der zweyte Band des Meßiasin der Bibliothek" mit vielem Geschmacke beurtheilet worden.° Ersten Bandes, zweytes Stnck. S. 291.