Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
80
Einzelbild herunterladen
 

Briefe, die neueste Litteratur betreffend.

Aber cbc» dieser lustige, verliebte Prior ist auch der Ver-fasser eines sehr ernsthaften Werkes. Die cdelu Bilder, dietiefsinnigen Anmerkungen über der Menschen Thun und Lassen,nnd die vortrcflichcn Lebcnsrcgcln, die man in den Sprüchen,in dem Prediger, und in den übrigen Büchern antrift, welche ge-meiniglich dem Salomon zugeschrieben werden, hatten ihn gerührt,lind er glaubte den Stof zu einer weit bessern Gattung von Gedich-ten darin» zu finde», als jemals die griechische, lateinische, oderirgend eine neuere Sprache hervorgebracht hat. Er nahm sichdaher vor, aus diesem unerschöpflichen Schatze, der, für alle Ord-nung zu groß, in einer prächtigen Verwirrung über einander ge-häuft liegt, diejenigen Anmerkungen und Sprüche zu sammelnnnd auszuführen, welche den großen Satz zu beweisen dienen,den sich der Prediger gleich Anfangs zum Grunde legt: Es istalles ganz eitel!

Und hieraus entstand sein Salomon; ein Gedicht, in welchemder Held desselben beständig das Wort führet. Die Materiesonderte sich von selbst in drey Theile ab, woraus der Dichter soviel Bücher machte. Zn dem ersten wird die Eitelkeit unserer Er-kenntniß; in dem zweyten die Eitelkeit der Wollüste, und indem dritten die Eitelkeit der Macht und Grösse gezciget.

Mehr braucht es nicht, Ihnen dieses Gedicht wieder insGedächtniß zu bringen, welches Sie ohne Zweifel einmal wer-den gelesen haben, aber auch wohl schwerlich mehr als einmal.Prior ist hier nicht in seiner Sphäre. Sein Salomon ist nichtder spruchrcichc Zweifler mehr, der uns so viel zu denken giebt;er ist zu einem geschwätzigen -Homileten geworden, der unsüberall alles sagen will. Auch hat der Dichter nicht im ge-ringsten die orientalische Dcnkungsart anzunehmen gewußt; seinweiser Hebräer spricht wie ein sophistischer Grieche.

Doch Sie werden nicht sowohl mein Urtheil über das Ori-ginal, als über die Übersetzung zu wissen verlangen. Manmuß, überhaupt zu reden, den Uebcrsctzungcn, die uns aus derSchweiß kommen, das Lob lassen, daß sie treuer und richtigersind als andere. Sie sind auch ungcmcin reich an guten nach-drücklichen Wörtern, an körnichtcn Redensarten. Aber bey demallen sind sie unangenehm zu lesen, weil selten eine Periode