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Briefe, die neues!« Litteratur betreffend.
künftige Belohnungen, einen Wohlgefallen der Gottheit an un-sern Handlungen, und eine ewige Gerechtigkeit glaubet? Ichmeine, es gehöret noch mehr dazu. Und wer jenes leugnet,leugnet der bloß die geoffenbarte Religion ? Aber dieses bey Seitegesetzt; sehen Sie nur, wie listig er die ganze Streitfrage zuverändern weis. Er giebt es stillschweigend zu, daß ein Mannohne Religion Bcwcgungsgründc, rechtschaffen zu handeln, ha-ben könne; und fragt nur, was für eine Versicherung habenwir, daß er auch, wenn ihn heftige Leidenschaften bestürmen,wirklich so handeln werde, wo er nicht auch das und dasglaubt? Zn dieser Frage aber, liegt weiter nichts, als dieses:daß die geoffenbarte Religion, die Bcwcgungsgründc, rechtschaf-fen zu handeln, vermehre. Und das ist wahr! Allein kömmtes denn bey unsern Handlungen, bloß auf die Vielheit der Bc-wcgungsgründc an? Beruhet nicht weit mehr auf der Jntcn-sion derselben? Kann nicht ein einziger Bcwcgungsgruud, demich lange und ernstlich nachgedacht habe, eben so viel ausrich-ten, als zwanzig Bcwcgungsgründe, deren jedem ich nur denzwanzigsten Theil von jenem Nachdenken geschenkt habe? Undwenn auch ein Mensch alles glaubet, was ihm die Offenbarungzu glauben befiehlt, kann man nicht noch immer fragen, wasfür eine versichrnng haben wir, daß ihn dennoch die Leiden-schaften nicht verhindern werden, rechtschaffen zu handeln? DerAufscher hat diese Frage vorausgesehen; denn er fährt fort:„Allein von einem Manne, der wirklich Religion hat, und entschlos-sen ist, die Verbindlichkeiten zu erfüllen :c. Und entschlossen ist!Gut! Diese Entschlossenheit kann aber auch die blossen Gründeder Bcrnunft, rechtschaffen zu handeln, begleiten.
Da ich zugegeben, daß die geoffenbarte Religion, unsereBewegungsgründc, rechtschaffen zu handeln, vermehre- so se-hen Sie wohl, daß ich der Religion nichts vergeben will. Nurauch der Vernunft nichts! Die Religion hat weit Höhcrc Ab-sichten, als dcn rechtschafncn Mann zu bildcn. Sie setztihn voraus; und ihr Hauptzweck ist, dcn rcchtschafnen Mannzu hohcrn Einsichten zu erheben. Es ist wahr, diese hshcrnEinsichten, können neue Bcwcgungsgründc, rechtschaffen zuhandeln, werden, und werden es wirklich; aber folgt daraus, daß