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6 (1839)
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215
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V. Theil. Ein und achtzigster Brief.

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die ihm als Wächter oder vielmehr als Peiniger zugegebenwaren, in sein letztes Gefängniß, in das Schloß zu Darr'lc^brachten, nahmen sie tausend unanständige Dinge mit ihmvor, sogar daß sie ihm auf freyem Felde mit kaltem Wasser,welches aus einem schlammigtcn Graben genommen worden,den Bart putzen liessen. So viel Beständigkeit er auch bisdahin bezeuget hatte, so konnte er sich doch bey dieser Gele-genheit nicht enthalten, sein Unglück zu beweinen, und zu er-nennen zu geben, wie sehr er davon gerührt sey. Unter denKlagen und Norwürfcn, die er denjenigen machte, welche ihnmit so vieler Grausamkeit begegneten, sagte er, daß sie, siemochten auch machen, was sie wollten, ihm doch nicht denGebrauch des hcisscn Wassers nehmen sollten, um sich denBart putzen zu lassen. Und indem ließ er zwey Ströme vonhcisscn Thränen aus seinen Augen die Wangen hcrabflicsscn.

Der arme Mann! Und es war ein König! Aberwas fällt Ihnen sonst bey dieser Antwort ein? Wenn sie einDichter erfunden hätte, würde nicht der gemeine Hausse derKunstrichtcr sagen: sie ist unnatürlich; der Schmerz ist so wi-tzig nicht? Und doch war der Schmerz hier so witzig; wennderjenige anders witzig ist, der das sagt, was ihm die Umständein den Mund legen. Demnach denke nur auch der Dichter vorallen Dingen darauf, seine Personen, so zu reden, in einewitzige Situation zu setzen, und er kann gewiß seyn, daß alleder Witz, den ihnen diese Situation giebt, nicht nur nntadcl-haft, sondern höchst pathetisch seyn wird. DiOcror, den ichZhncn oben angeführt habe, erläutert den nehmlichen Satz durchdas Exempel einer geringern Person:Eine Bäuerin, erzählter, schickte ihren Mann zu ihren Acltcrn, die in einem benach-barten Dorfe wohnten. Und da ward dieser Unglückliche voneinem seiner Schwäger erschlagen. Des Tages darauf gingich in das Haus, wo sich der Fall zugetragen hatte. Ich cr-blickte ein Bild, und hörte eine Rede, die ich noch nicht ver-gessen habe. Der Todte lag auf einem Bette. Die nack-ten Beine hingen aus dem Bette heraus. Seine Frau lag,mit zerstreuten Haaren, aus der Erde. Sie hielt die Füsseihres Mannes, und sagte unter Vergicssung von Thränen,