Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
225
Einzelbild herunterladen
 

VI. Theil. Hundert li»d dritter Brief. 225

zweyten Bande, ganz gleichgültig erwähnt haben. Und warumnicht? Herr Lramer ist ein rechtschaffener Mann, den es aufkeine Weise befremdet, wenn andere andrer Meinung sind, under nicht immer den Beyfall erhält, den er sich überhaupt zu er-halten bestrebet. Diese lautere Quelle gebe ich seinem Betragen,ob ihm gleich Herr Basedow eine ganz andere giebt.DieSelbstvcrthcidigung, sagt er, wenn sie nicht zu unvollständigscheinen sollte, müßte oftmals in einem Tone reden, der vondenjenigen, die alles, was sie sehen und hören, in Fehlerund Laster verwandeln, für den Ton einer verdächtigen ?u-friedeNhcit mit sich selbst konnte ausgegeben werden. Ucbcr-dcm Pflegen Seelen von einer gewissen Würde so wenig furcht-sam und argwöhnisch zu seyn, daß sie, wenn ihre Unschuld ineinem gewissen Grade klar ist, bey der verständigen und billigenWelt keine Verantwortung derselben zu bedürfen glauben."Nicht doch! So ein grosses Air hat Herr Lramer gewiß nichtaffcctiren wollen. Hätte er es aber affcctircn wollen, so hättesein Freund keinen solchen Eommcntarium darüber schreibe»müssen. Er hätte es müssen darauf ankommen lassen, ob mandiesen edlen Stolz, den Seelen vor» einer gewissen U?ürdehaben, von selbst merken werde. Denn nur alsdcnn thut erseine Wirkung. Keine Großmuth will mit Fingern gewiesenseyn. Sind es gar die Finger eines Freundes, o so wird sievollends lächerlich! zc. G.

Hundert und dritter Brief.

Auch nicht in der geringsten Kleinigkeit will mich Herr Ba-sedow Recht haben lassen. Lieber stellt er sich unwissender alsein Kind, verwirret die bekanntesten Dinge, und verfälscht aufdie hämischste Art meine Worte, die ich mit vielem Bedachtegewählt hatte.

Ich babe gezweifelt, ob man dem Herrn Lramer ein poeti-sches Genie zugestehen könne. Ich habe aber mit Ncrgnügcnbekannt, daß er der vortrefflichste versificateur ist. Ich nehmebeyde Ausdrücke so, wie sie die feinsten Kunstrichter der Eng-länder nnd Franzosen nehmen.Ein poetisches Genie, sagt einerLessings Werke >l. 15