VI. Theil. Hundert und fiiufter Brief.
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Hundert und fünfter Brief.
Nun frage ich Sie, wen» dergleichen labyrinthische Perioden,bey welchen nian dreymal Athem hohlen muß, ehe sich der Sinnschliesset; wenn dergleichen Perioden, die man geschrieben odergedruckt, durch alle ihre verschränkte und vcrschraubtc Gliederund Einschiebsel, kaum mit dem Auge verfolgen kann, ohnedrehend und schwindlicht zu werde»; wenn dergleichen Periodennns von der bedächtlichc» langsamen Aussprache eines Kauzcl-rcdncrs Wort vor Wort zugezählet würde», ob wohl die feurigsteAufmerksamkeit, das beste Gedächtniß sie in ihrem ganzen Zu-sammenhange fassen, und am Ende auf einmal übersehenkönnte? Nimmermehr. Was habe ich denn also für ein Ver-brechen begangen, wenn ich gesagt habe, der Stil dieses Verfas-sers im Nordischen. Aufseher, „sey der schlechte Kanzclstil einesseichten Homileten, der nur deswegen solche Pucvmata hcrpre-dige, damit die Zuhörer, ehe sie ans Ende derselben kommen,den Anfang schon mögen vergessen haben, und ihn deutlich hö-ren können, ohne ihn im geringsten zu verstehen?" Habe ichetwas anders als die strengste Wahrheit gesagt? Freylich istdas nicht der einzige schlechte Kanzclstil; freylich predigen nichtalle seichte Homileten so: sondern nur die seichten Homiletenpredige» so, die i» Mitternachts Rhetorik das Kapitel vo»de» zusammengesetzte» Periode» nicht ohne Nutze» studirct habe».
Welche invidiösc Wendung aber Herr Basedow dieser mei-ner Eritik giebt, das ist ganz unbegreiflich. Alles nehmlich,was ich wider diesen vornehmste» Verfasser des NordischenAufsehers sage, soll ich wider dc» Herr» Hofprcdigcr Lramergesagt haben. Von diesem, dem Herrn Hofprcdigcr Lramcr,soll ich mit schamloser Dreistigkeit, oh»c dc» gcrmgstc» Bc-weis gesagt haben: Sein Stil sey der schlechte Kanzelstil ci»csseichte» Homilcten :c. — Träumt Herr Basedow? O so träumter sehr boshaft.
Was habe ich denn mit dem Herrn Lramer zu thun? Zst HerrLramcr jencr vornchmste von mir getadelte Verfasser des Nordi-schen Aufsehers: so sey er es immerhin. War ich denn verbun-den, cs zu wissen? — Doch nein; das will ich nicht einmal für