VI. Theil. Hundert lind sechster Brief.
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„aus der Zweydeutigkeit der Worte entstehen. Wer nur solche„Zweydeutigkeiten nicht mit Fleiß braucht, um andere zu ver-blenden, wer in ein solches Versehen nicht oft verfällt, wer„sich nicht, wenn man ihm seinen Fehler entdeckt hat, durch„neue Zweydeutigkeiten hartnäckig vertheidiget, der kann allemal„ein grosser nnd verehrcnswürdigcr Mann seyn, und dem kann„man, ohne Lust an gelehrten Schcltwortcn, nicht Sophistc-„reyen und Fcchtcrstrcichc vorwerfen. Sonst müßte kein ^.eib-„niiz, lVolf, XNosheim, ja kein grosser Mann, von seinen„Beurtheilen, mit Recht verlangen können, daß er mit solchen„unhöflichen Vorwürfen möchte verschont bleiben. — Ich ver-stehe von der Höflichkeit nichts, die Herr Nascvorv hier predi-get. Er nennet gelehrte Scheltworte, was nichts weniger alsSchcltworte sind. Wenn ein grosser Mann eine Sophisterei)begehet, und ich sage, daß er eine begangen hat: so habe ichdas Kind bey seinem Namen gcncnnt. Ein anderes wäre cS,wenn ich ihn deswegen einen Sophisten nennte. Man kannsich einer Sophistercy schuldig machen, ohne ein Sophist zu seyn;so wie man eine Unwahrheit kann gesagt haben, ohne darum einLügner zu seyn; so wie man sich bctrinken kann, ohne darum einTrunkenbold zu seyn. Herr Lramer ist ein grosser und verchrungs-würdiger Mann. Nun ja; und er soll es auch bleiben. Aber wasverbindet mich denn, von einem grossen und vcrchrungswürdigcnManne in dem Tone eines kriechenden Klienten zu sprechen?Und ist das der Ton, der einem grossen und vcrchrungswürdi-gcn Manne gefällt? Ein solcher Mann sieht auf die Warhcit,und nicht auf die Art, wie sie gesagt wird; und hat er sichwo geirrct, so ist es ihm unendlich lieber, wenn man ohne Um-stände sagt: das und das dünkt mich eine Sophistercy: als wennman viel von menschlichen Fehlern ver größten Philosophenpräliminirct, und ihn um gnädige Verzeihung bittet, daß manes auch einmal so gemacht hat, wie er es macht, daß manauch einmal seinen eigenen Verstand gebraucht hat.
So viel von der Höflichkeit meiner Erinnerung. Nun hö-ren Sie wie Herr Basedow beweisen will, daß mein Tadelauch ungcgründct und falsch sey. Er analysiret in dieser Ab-