238 Briefe, die neueste Litteratur betreffend.
ficht das ganze Blatt; und es ist nöthig, daß ich Ihnen dasEkelet, welches er davon macht, vor Augen lege.„Satz: Reine Rcchtschaffenheit ist ohne Religion.„Erster Beweis, Ein Rechtschaffener sucht die Pflichten, die„aus seinen Verhältnissen gegen andere folgen, allesamt getreu und„sorgfältig zu erfüllen, lind man hat auch Pflichten gegen Gott,„welche ein Mensch ohne Religion nicht zn erfüllen trachtet.
„Erster Zusay. Polidar, dessen unerschöpflicher Witz über Leh-„rcn spottet, die er niemahls untersucht hat, und Lehren lächerlich„macht, ohne sich darum zu bekümmern, ob sie es verdienen, ist„also kein rechtschaffener Mann, ob er gleich seine Zusage halt, und„zuweilen mitleidig ist, welches vielleicht noch eine Wirkung des iu der„Jugend gelernten Calechisinus seyn kann, den er nunmehr verachtet.
„Zweiter Zusay. Der Mensch hat eine natürliche Neigung„zu denen Handlungen, die, wenn sie ans dem rechten Grunde ge-schehen, rechtschaffen hcissen. Aber diese Neigung ist im hohen„Grade schwach und unzuvcrläßig.„Zweyter Beweis, Ein Rechtschaffener mnß eine gründliche„Erkenntniß von den Gegenständen haben, gegen welche man recht-„ schaffen handeln mnß. Indem er zu dieser Erkenntniß kömmt, gelangt„er auch zur natürlichen Erkenntniß EotteS; und durch diese zum„Wunsche einer Offenbarung. Alsdann hat er die Pflicht, eine vor-gegebene Offenbarung ohne sorgfältige Untersuchung nicht zu vcrwer-„fen, vielwenigcr zu verspotten. Thut er es, so ist er (vermöge des„ersten Beweises) nicht rechtschaffen.
„Dritter Beweis. Wegen der Macht der Leidenschaften ist nicht„zu erwarten, daß ein Mensch, der weder geoffenbarte noch natürliche„Religion hat, die gesellschaftlichen Pflichten zu erfüllen geneigt sey,„und also in dieser eingeschränkten Bedeutung ein rechtschaffener Manu„seyn könne. Man hat aber bessern Grund es zu hoffen, wenn er die„Religion in seinem Verstände für wahr hält, und sein Herz zur„Ausübung derselben gewöhnt."
Was für eine kleine, unansehnliche, gebrechliche Schöne istder nordische Aufscher, wenn man ihm seine rauschende Ein-kleidung, seinen rhetorischen Flitterstaat, seine Kothurnen nimt.Eine solche Venus kann nicht sagen: Zch bin nackend mächti-ger, als gekleidet. Gegen sie darf Minerva nur ihre Eule zu