Ueber die (Grenzen der Mahlerey und Poesie,
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mehr als einzigen Augenblick, und der Mahler insbesondere die-sen einzigen Augenblick auch nur aus einem einzigen Gesichts-punkte, brauchen; sind aber ihre Werke gemacht, nicht bloß er-blickt, sondern betrachtet zu werden, lauge und wicdcrhohltcrmaasscn betrachtet zu werden: so ist es gewiß, daß jener ein-zige Augenblick und einzige Gesichtspunkt dieses einzigen Augen-blickes, nicht fruchtbar genug gcwäblet werden kann. Dasjenigeaber nur allein ist fruchtbar, was der Einbildungskraft freyesSpiel läßt. Ze mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzudenken können. Ze mehr wir dazu denken, desto mehr müssenwir zu sehen glauben. Zn dem ganzen Verfolge eines Affcctsist aber kein Augenblick der diesen Vortheil weniger hat, alsdie höchste Staffel desselben. Ueber ihr ist weiter nichts, unddem Auge das Acusscrstc zeigen, heißt der Phantasie die Flügelbinden, und sie nöthigen, da sie über den sinnlichen Eindrucknicht hinaus kann, sich unter ihm mit schwacher» Bildern zubeschäftigen, über die sie die sichtbare Fülle des Ausdrucks alsihre Grenze scheuet. Wenn Laokoon also seufzet, so kann ihndie Einbildungskrast schreyen hören; wenn er aber schreyet, sokann sie von dieser Vorstellung weder eine Stuffc höher, nocheine Stuffc tiefer steigen, ohne ihn in einem leidlichem, folglichunintercssantcrn Zustande zu erblicken. Sie hört ihn erst ächzcn,odcr sie sieht ihn schon todt.
Ferner. Erhält dieser einzige Augenblick durch die Kunsteine unveränderliche Dauer: so muß er nichts ausdrücken, wassich nicht anders als transitorisch dcnkcn läßt. Alle Erscheinun-gen, zu deren Wesen wir es nach unsern Begriffen rechnen, daßsie plötzlich ausbrcchcn und plötzlich verschwinden, daß sie das,was sic sind, nur einen Augenblick seyn können; alle solche Er-scheinungen, sie mögen angenehm odcr schrccklich scyn, erhaltendurch die Verlängerung der Kunst ein so widernatürliches An-sehen, daß mit jeder wiederhohltcn Erblickung der Eindruckschwächer wird, und uns endlich vor dem ganzen Gegenständeeckclt odcr grauct. La Mcttrie, der sich als einen zweyten Dc-mokrit mahlen und stechen lassen, lacht nur die ersten male, dieman ihn sieht. Betrachtet ihn öftrer, und er wird aus einemPhilosophen ein Gcck; aus scincm Lachen wird ein Grinsen.
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