So auch mit dem Schreyen. Der heftige Schmerz, welcher dasSchreyen auspresset, läßt entweder bald nach, oder zerstöret dasleidende Subject. Wann also auch der geduldigste standhaftesteMann schreyet, so schreiet er doch nicht unabläßlich. Und nurdieses scheinbare Unabläßlichc in der materiellen Nachahmung derKunst ist es, was sein Schreyen zu weibischem Unvermögen, zukindischer Unlcidlichkeit machen würde. Dieses wenigstens mußteder Künstler des Laokoons vermeiden, hätte schon das Schreyender Schönheit nicht geschadet, wäre es auch seiner Kunst schonerlaubt gewesen, Leiden ohne Schönheit auszudrücken.
Unter den alten Mahlern scheinet Timomachus Vorwürfedes äussersten Affekts am liebsten gcwählet zu haben. Sein ra-sender Ajax, seine Kindcnnördcrin Mcdca, waren berühmte Ge-mählde. Aber aus den Beschreibungen, die wir von ihnen ha-ben, erhellet, daß er jenen Punkt, in welchem der Betrachterdas Acusscrstc nicht sowohl erblickt, als hinzu denkt, jene Er-scheinung, mit der wir den Begriff des Transilorischen nicht sonothwendig verbinden, daß uns die Verlängerung derselben inder Klmst mißfallen sollte, vortrcflich verstanden und mit ein-ander zu verbinden gewußt hat. Die Mcdca hatte er nicht indem Augenblicke gcnommcn, in welchem sie ihre Kinder wirk-lich ermordet; sondern einige Augenblicke zuvor, da die mütter-liche Liebe noch mit der Eifersucht kämpfet. Wir sehen das Endedieses Kampfes voraus. Wir zittern voraus, mm bald bloßdie grausame Mcdea zu erblicken, und unsere Einbildungskraftgehet wcit über alles hinweg, was uns der Mahler in diesemschrecklicbcn Augenblicke zeigen könnte. Aber eben darum belei-diget uns die in der Kunst fortdauernde Uncnlschlosscnhcit derMcdca so wenig, daß wir vielmehr wünschen, es wäre in derNatur sclbst dabey geblieben, der Streit der Leidenschaften hättesich nie entschieden, oder hätte wenigstens so lange angehalten,bis Zeit und Uebcrlcgung die Wuth entkräften und den müt-terlichen Empfindungen den Sieg versichern können. Auch hatdem Timomachus diese seine Weisheit grosse und häuffigc Lob-sprüchc zugczogcn, und ihn wcit über einen andern unbekann-ten Mahler crbobcn, der unverständig genug gewesen war, dieMedca in ihrcr höchsten Raserey zu zeigen, und so diesem fluch-