Laokcon.
wenn wir ibn selbst unter dem Leiden Proben von seiner Stand-haftigkcit ablegen sehen, wenn wir sehen, daß ihn der Schmerzzwar zum Schreyen, aber auch zu weiter nichts zwingen kann,daß er sich lieber der längcru Fortdauer dieses Schmerzes unter-wirst, als das geringste in seiner Dcnkungsart, in seinen Ent-schlüssen ändert, ob er schon in dieser Veränderung die gänz-liche Endschaft seines Schmerzes hoffen darf. Das alles findetsich bey dem Philoktct. Die moralische Grösse bestand bey denalten Griechen in einer eben so unveränderlichen Liebe gegenseine Freunde, als unwandelbarem Hasse gegen seine Feinde.Diese Grösse behält Philoktct bey allen seinen Martern. SeinSchmerz hat seine Augen nicht so vertrocknet, daß sie ihm keineThränen über das Schicksal seiner allen Freunde gewähren könn-ten. Sein Schmerz hat ihn so mürbe nicht gemacht, daß er, umihn los zu werden, seinen Feinden vergeben, und sich gern zuallen ihren eigennützigen Absichten brauchen lassen möchte. Unddiesen Felsen von einem Manne hätten die Athcincnscr verachtensollen, weil die Wellen, die ihn nicht erschüttern können, ihnwenigstens ertönen machen? — Zch bekenne, daß ich an derPhilosophie des Cicero überhaupt wenig Geschmack finde; amallerwenigsten aber an der, die er in dem zweyten Buche sei-ner Tusculanischcn Fragen über die Erdulduug des körperlichenSchmerzes auskramet. Man sollte glauben, er wolle einenGladiator abrichten, so sehr eifert er wider den äusscrlichcnAusdruck des Schmerzes. Zn diesem scheinet er allein die Un-geduld zu finden, ohne zu überlegen, daß er oft nichts wenigerals frevwillig ist, die wahre Tapferkeit aber sich nur in frcywil-ligcn Handlungen zeigen kann. Er hört bey dem Sophokles denPhiloktct nur klagen und schreyen, und übersieht sein übri-ges standhaftes Betragen gänzlich. Wo hätte er auch sonst dieGelegenheit zu seinem rhetorischen Ausfalle wider die Dichterhergenommen^ „Sie sollen uns weichlich machen, weil sie die„tapfersten Männer klagend einführen." Sie müssen sie klagenlassen; denn ein Theater ist keine Arena. Dem verdammten oderfeilen Fechter kam es zu, alles mit Anstand zu thun und zuleiden. Von ihm mußte kein kläglicher Laut gehöret, keineschmerzliche Zuckung erblickt werden. Denn da seine Wunden,