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6 (1839)
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401
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Ueber die Vrenzen der Mahlerey und Poesie.

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sein Tod, die Zuschauer ergötzen seilten: so mußte die Kunstalles Gefühl verbergen lehren. Die geringste Aeusserung dessel-ben hätte Mitleiden erweckt, und öfters erregtes Mitleidenwürde diesen frostig grausamen Schauspielen bald ein Ende ge-macht haben. Was aber hier nicht erregt werden sollte, ist dieeinzige Absicht der tragischen Bühne, und fodcrt daher ein ge-rade entgegen gesetztes Betragen. Zhrc Helden müssen Gefühlzeigen, müssen ihre Schmerzen äussern, und die blosse Natur insich wirken lassen. Verrathen sie Abrichtnng und Zwang, so lassensie unser Herz kalt, und Klopfcchter im Colhurnc können höch-stens nur bewundert werden. Diese Benennung verdienen allePersonen der sogenannten Scnccaschcn Tragödien, und ich binder festen Meinung, daß die Gladiatorischen Spiele die vor-nehmste Ursache gewesen, warum die Römer in dem Tragischennoch so weit unter dem Mittelmäßigen geblieben sind. DieZuschauer lernten in dem blutigen Amphitheater alle Natur ver-kennen, wo allenfalls ein Ktcsias seine Kunst studieren konnte,aber nimmermehr ein Sophokles. Das tragischste Genie, andiese künstliche Todcssccncn gewöhnet, mußte auf Bombast undRodomontadcn verfallen. Aber so wenig als solche Rodomon-tadcn wahren Heldenmut!) cinflösscn können, eben so wenig kön-nen Philoktctischc Klagen weichlich machen. Die Klagen sindeines Menschen, aber die Handlungen eines Helden. Beydemachen den menschlichen Helden, der weder weichlich noch ver-härtet ist, sondern bald dieses bald jenes scheinet, so wie ihnitzt Natnr, itzt Grundsätze und Pflicht verlangen. Er ist dasHöchste, was die Weisheit hervorbringen, und die Kunst nach-ahmen kann.

4. Nicht gcnng, daß Sophokles seinen empfindlichen Philo-ktct vor der Verachtung gesichert hat; er hat auch allem andernweislich vorgebauet, was man sonst aus der Anmerkungdes Engländers wider ihn erinnern könnte. Denn verachtenwir schon denjenigen nicht immer, der bey körperlichen Schmer-zen schreyet, so ist doch dieses unwidcrsprcchlich, daß wir nichtso viel Mitleiden für ihn empfinden, als dieses Geschrey zu er-fordern scheinet. Wie sollen sich also diejenigen verhalten, diemit dem schreyenden Philoktct zu thun haben? Sollen sie sichLessings Wette vi, 2L