Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 413
tiefer herabsetzen, als cs dadurch geschiehet. Denn gesetzt, dieSculptur könnte die verschicdncn Stoffe eben so gut nachahmen,als die Mahlerey: würde sodann Laokoon nothwendig bekleidetseyn müssen? Würden wir unter dieser Bekleidung nichts ver-lieren? Hat ein Gewand, das Werk sklavischer Hände, eben soviel Schönheit als das Werk der ewigen Weisheit, ein orga-nisirter Körper? Erfordert es einerley Fähigkeiten, ist es eincr-lcy Verdienst, bringt cs einerley Ehre, jenes oder diesen nach-zuahmen? Wollen unsere Augen nur getäuscht seyn, und ist csihnen gleich viel, womit sie getäuscht werden?
Bey dem Dichter ist ein Gewand kein Gewand; es verdecktnichts; unsere Einbildungskraft sieht überall hindurch. Laokoon habe es bey dem Virgil , oder habe cs nicht, sein Leiden ist ihran jedem Theile seines Körpers einmal so sichtbar, wie dasandere. Die Stirne ist mit der pricstcrlichcn Binde für sieumbundcn, aber nicht umhüllet. Za sie hindert nicht alleinnicht, dicse Binde; sie verstärkt auch noch den Begriff, den wiruns von dem Unglücke des Leidenden machen.
?orkulu8 l»n!<z vittas »tio^uo veneno.Nichts hilft ihm seine priestcrliche Würde; selbst das Zeichenderselben, das ihm überall Ansehen und Verehrung verschaff,wird von dem giftigen Geifer durchnetzt und entheiliget.
Aber diesen Ncbcnbegriff mußte der Artist aufgeben, wenndas Hauptwerk nicht leiden sollte. Hätte er dem Laokoon auchnur diese Binde gelassen, so würde er den Ausdruck um eingrosses geschwächt haben. Die Stirne wäre zum Theil verdecktworden, und die Stirne ist der Sitz des Ausdruckes. Wie eralso dort, bey dem Schreyen, den Ausdruck der Schönheit auf-opferte, so opferte er hier das liebliche dem Ausdrucke auf.Uebcrhaupt war das Uebliche bey den Alten eine sehr gering-schätzige Sache. Sie fühlten, daß die höchste Bestimmung ih-rer Kunst sie auf die völlige Entbehrung desselben führte.Schönheit ist dicse höchste Bestimmung; Noth erfand die Klei-der, und was hat die Kunst mit der Noth zu thun? Ich gebecs zu, daß es auch eine Schönheit der Bekleidung giebt? aberwas ist sie, gcgcn die Schönheit der menschlichen Form? Undwird der, der das Grössere erreichen kann, sich mit dem Kleinern