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6 (1839)
Entstehung
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419
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Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 419

bringen könnte, wenn uns die vorhergehende auch noch so sehrgerührt hätte. Es sey denn, daß die folgende an sich selbstnicht rührend genug wäre.

Noch weniger Ursache würde der Dichter gehabt haben, dieWindungen der Schlangen zu verändern. Sie beschäftigen indem Kunstwerke die Hände, und verstricken die Füsse. So sebrdem Auge diese Vertheilung gefällt, so lebhaft ist das Bild,welches in der Einbildung davon zurück bleibt. Es ist so deut-lich und rein, daß es sich durch Worte nicht viel schwächer dar-stellen läßt, als durch natürliche Zeichen.

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Das sind Zeilen des Sadolct, die von dem Virgil ohne Zwei-fel noch mahlerischer gekommen wären, wenn ein sichtbares Vor-bild seine Phantasie befeuert hätte, und die alsdann gewiß bes-ser gewesen wären, als was er uns itzt dafür giebt:Lis inoclinm »mnloxi, l>is eollo kc^uamea oircumlei-xa tli»l!, supornnt eapilo c«zi'v!eiliu8 alli«.Diese Züge füllen unsere Einbildungskraft allerdings; aber siemuß nicht dabey verweilen, sie muß sie nicht auss reine zu brin-gen suchen, sie muß itzt nur die Schlangen, itzt nur den Lao-koon sehe», sie muß sich nicht vorstellen wollen, welche Figurbeyde zusammen machen. Sobald sie hierauf verfällt, fängt ihrdas Virgilischc Bild an zu mißfallen, und sie findet es höchstunmahlcrisch.

Wären aber auch schon die Veränderungen, welche Virgilmit dem ihm geliehenen Vorbilde gemacht hätte, nicht unglück-lich, so wären sie doch bloß willkührlich. Man ahmet nach,um ähnlich zu werden; kann man aber ähnlich werden, wennman über die Noth verändert? Vielmehr, wenn man diesesthut, ist der Vorsatz klar, daß man nicht ähnlich werden wollen,daß man also nicht nachgeahmet habe.

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