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Nicht das Ganze, könnte man einwenden, aber wohl diesenlind jenen Theil. Gut; doch welches sind denn diese einzelnTheile, die in der Beschreibung und in dem Kunstwcrkc so ge-nau übereinstimmen, daß sie der Dichter aus diesem entlehnetzu haben scheinen könnte? Den Vater, die Kinder, die Schlan-gen, das alles gab dem Dichter sowohl als dem Artisten, die(beschichte. Ausser dem Historischen kommen sie in nichts übcrcin,als darin», daß sie Kinder und Vater in einen einzigen Schlan-gcnknotcn verstricken. Allein der Einfall hierzu entsprang ausdem veränderten Umstände, daß den Vater eben dasselbe Unglückbetroffen habe, als die Kinder. Diese Veränderung aber, wieoben erwähnt worden, scheinet Virgil gemacht zu haben; denndie griechische Tradition sagt ganz etwas anders. Folglich, wennin Ansehung jener gemeinschaftlichen Verstrickung, auf einer oderder andern Seile Nachahmung seyn soll, so ist sie wahrscheinlicherauf der Seite der Künstler, als des Dichters zu vermuthen.Zn allem übrigen weicht einer von dem andern ab; nur mitdem Unterschiede, daß wenn es der Künstler ist, der die Ab-weichungen gemacht hat, der Vorsatz den Dichter nachzuahmennoch dabey bestehen kann, indem ihn die Bestimmung und dieSchranken seiner Kunst dazu nöthigten; ist es hingegen der Dich-ter, welcher dem Künstler nachgeahmet haben soll, so sind alledie berührten Abweisungen ein Beweis wider diese vermeintlicheNachahmung, und diejenigen, welche sie dem ohngcachtct behaup-ten, können weiter nichts damit wollen, als daß das Kunst-werk älter sey, als die poetische Beschreibung.
VII.
Wenn man sagt, der Künstler ahme dem Dichter, oder derDichter ahme dem Künstler nach, so kann dieses zwcycrley be-deuten. Entweder der eine macht das Werk des ander» zu demwirklichen Gegenstände seiner Nachahmung, oder sie habenbeyde einerley Gegenstände der Nachahmung, und der eine ent-lehnet von dem andern die Art und Weise es nachzuahmen.
Wenn Virgil das Schild des Acneas beschreibet, so ahmeter dem Künstler, welcher dieses Schild gemacht hat, in der er-sten Bedeutung nach. Das Kunstwerk, nicht das was auf dem