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Laokoon,
Wild eines über seine Ufer sich ergießenden Flußcs, wie er dieüber ihn geschlagene Brücke zerreißt, verliert es nicht seine ganzeSchönheit, wenn der Dichter ans ein Kunstwerk damit ange-spielet hat, in welchem dieser Flußgott als wirklich eine Brückezerbrechend vorgestellet wird ? - — Was sollen wir mit dergleichenErläuterungen, die aus der klarsten Stelle den Dichter verdrän-gen, um den Einfall eines Künstlers durchschimmern zu laßen?
Ich bctaure, daß ein so nützliches Buch, als Polymctis sonstseyn könnte, durch diese geschmacklose Grille, den alten Dichternstatt eigenthümlicher Phantasie, Bekanntschaft mit fremder unterzu schieden, so eckel, und den elastischen Schriftstellern weit nach-thciligcr geworden ist, als ihnen die wäßrigen Auslegungen derschaalstcn Wortforschcr nimmermehr seyn können. Noch mehrbelauere ich, daß Spenccn selbst Addison hicrinn vorgegangen,der aus löblicher Begierde, die Kenntniß der alten Kunstwerkezu einem Auslegungsmittcl zu erheben, die Fälle eben so wenigunterschieden hat, in welchen die Nachahmung des Künstlers demDichter anständig, in welchen sie ihm verkleincrlich ist. K
VIII.
Bon der Achnlichkcit, welche die Poesie und Mahlerey miteinander haben, macht sich Spcncc die allcrseltsamsten Begriffe.Er glaubet, daß beyde Künste bey den Alten so genau verbun-den gewesen, daß sie beständig Hand in Hand gegangen, undder Dichter nie den Mahler, der Mahler nie den Dichter ausden Auge» verloren habe. Daß die Poesie die weitere Kunstist, daß ihr Schönheiten zu Gebothe stehen, welche die Mahle-rey nicht zu erreichen vermag; daß sie öfters Ursachen habenkann, die unmahlcrischcn Schönheiten den mahlerischen vor zuziehen: daran scheinet er gar nicht gedacht zu haben, und ist da-her bey dem geringsten Unterschiede, den er unter den altenDichtern und Artisten bemerkt, in einer Verlegenheit, die ihnauf die wunderlichsten Ausflüchte von der Welt bringt.
Die alten Dichter geben dem Bacchus mcistcnthcils Hörner.
,) ^eneul. I.ili, Vlll. v> 725. I-olvmelis Niül, XIV. I'. S!w,
/c) In verschiedenen Stelle» seiner Reisen und seines Gesprächs überdie alle» Münzen.