Ueber die Grenzen der M.ihlcrcy und Poesie. 431
Es ist also doch wunderbar, sagt Spcncc, daß man diese Hör-ner an seinen Statuen so selten erblickt. « Er fällt auf diese, erfällt auf eine andere Ursache, auf die Unwissenheit der Antiquare,auf die Kleinheit der Hörner selbst, die sich unter den Traubenund Ephcublättcrn, dem beständigen Kopfputzc des Gottes, möch-ten verkrochen haben. Er windet sich um die wahre Ursacheherum, ohne sie zu argwohnen. Die Hörner des Bacchus wa-ren keine natürliche Hörner, wie sie es an den Faunen lindSatyrcn waren. Sie waren ein Stirnschmuck, den er aufsetzenund ablegen konnte.
— 1'il)!, cum tinv eornilius iu^tias
ViiAlnviiin cn^iit e5t: — —heißt es in der feierlichen Anruffung des Bacchus beim Ovid . ^Er konnte sich also auch ohne Hörner zeigen; und zeigte sichohne Hörner, wenn er in seiner jungfräulichen Schönheit erschei-nen wollte. Zn dieser wollten ihn nun auch die Künstler dar-stellen, und mußten daher alle Zusätze von übler Wirkung anihm vermeiden. Ein solcher Zusatz wären die Hörner gewesen,die an dem Diadem befestiget waren, wie man an einem Kopfein dem Königl. Eabinct zu Berlin sehen kann. Ein solcher Zu-satz war das Diadem selbst, welches die schöne Stirne verdeckte,und daher an den Statuen des Bacchus eben so selten vorkömmt,als die Hörner, ob es ihm schon, als seinem Erfinder, von denDichtern eben so oft beygeleget wird. Dem Dichter gaben dieHörner und das Diadem feine Anspielungen auf die Thatenund den Charakter des Gottes: dem Künstler hingegen wurdensie Hinderungen größere Schönheiten zu zeigen, und wenn Bac-chus, wie ich glaube eben darum den Bciznamcn kilni-mls,^l^opipoc, hatte, weil er sich sowohl schön als schrecklich zeigenkonnte, so war es wohl natürlich, daß die Künstler diejenigevon seiner Gestalt am liebsten wählten, die der Bestimmung ih-rer Kunst am meisten entsprach.
Minerva und Zuno schleidcrn bey den römischen Dichternöfters den Blitz. Aber warum nicht auch in ihren Abbildun-
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