Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
461
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Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. -jlil

ich, um von dieser Einschränkung frey zu werden, einen grossenWerth auf den Verlust des erster« legen.

Das Verlorne Paradies ist darum nicht weniger die ersteEpopcc nach dem Homer, weil es wenig Gemählde liefert, alsdie Leidensgeschichte Christi deswegen ein Poem ist, weil mankaum den Kopf einer Nadel in sie setzen kann, ohne auf eineStelle zu treffen, die nicht eine Menge der größten Artisten be-schäftiget hätte. Die Evangelisten crzehlcn das Factum mit allermöglichen trockenen Einsalt, und der Artist nutzet die mannig-faltigen Theile desselben, ohne daß sie ihrer Seits den geringstenFunken von mahlerischem Genie dabey gezeigt haben. Es giebtmahlbare und unmahlbare Facta, und der Geschichtschreiber kanndie mahlbarstcn eben so unmahlerisch crzehlcn, als der Dichterdie unmahlbarsten mahlerisch darzustellen vermögend ist.

Man läßt sich bloß von der Zweydeutigkeit des Wortesverführen, wenn man die Sache anders nimt. Ein poctischcsGemählde ist nicht nothwendig das, was in ein materielles Ge-mählde zu verwandeln ist; sondern jeder Zug, jede Verbindungmehrerer Züge, durch die uns der Dichter seinen Gegenstand sosinnlich macht, daß wir uns dieses Gegenstandes deutlicher be-wußt werden, als seiner Worte, heißt mahlerisch, heißt einGemählde, weil es uns dem Grade der Illusion näher bringt,dessen das materielle Gemählde besonders fähig ist, der sich vondem materiellen Gemählde am ersten und leichtesten abstrahi-ren lassen. 6

/,) Was wir poetische Gemählde nennen, nannten die Alten Pliantasiee»,wie man sich ans dem Longin erinnern wird. Und was wir die Illusion,das Täuschende dieser Gemählde heisst», hieß bey ihnen die Enargic. Dakcrhalte einer, wie Plutarchus meldet, (krot. 'k. n. nau, n>>»r. «wpii.p, t35l.) gesagt: die poetischen Phautasicc» wären, wegen ihrer Euargie,Träume der Wachenden, ^ ^o,,^--«-, ^«i^ra^ai. öl« i^v t^a^z>6l«i'kz>hiss>otz07^ k,"»5Vt« kl<5cv. Ich wünschte sehr, die neuern Lehrbücher derDichtkunst l'ättcn sich dieser Beucnnuug bedienen, und des Worts Gemähldegänzlich enthalten wollen. Sie wurden uns eine Menge halbwahrcr Regelnerspart haben, derer vornehmster Grund die Uebereinstimmung eines will-kül'rlichcu Namens ist. Poetische Phantasiee» wurde kein Mensch so leichtden Schranken eines materiellen Gemähldes untcrworffcn habe»; aber sobaldman die Phanlasiccn poetische Gemählde nannte, so war der Grund zurVerführung gelegt.