lieber die Grciijcii der M.ihlcrcy und Pocilc,
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in der Natur iicbcn einander befindlich sind. Allein dieses isteine Eigenschaft der Rede und ihrer Zeichen überhaupt, nichtaber in so scrnc sie der Absicht der Poesie am bequemsten sind.Der Poet will nicht bloß verständlich werden, seine Vorstellun-gen sollen nicht bloß klar und deutlich seyn; hiermit begnügt sichder Prosaist. Sondern er will die Ideen, die er in uns er-wecket, so lebhaft machen, daß wir in der Geschwindigkeit diewahren sinnlichen Eindrücke ihrer Gegenstände zu empfinde»glauben, und in diesem Augenblicke der Täuschung, uns derMittel, die er dazu anwendet, seiner Worte bewußt zu sei)»aufhören. Hierauf lief oben die Erklärung des poetischen Ge-mähldes hinaus. Aber der Dichter soll immer mahlen; undnun wollen wir sehen, in wie ferne Körper nach ihren Tbcilcnneben einander sich zu dieser Mahlerey schicken.
Wie gelangen wir zu der deutlichen Vorstellung eines Din-ges im Raume? Erst betrachten wir die Theile desselben ein-zeln, hierauf die Verbindung dieser Theile, und endlich dasGanze. Unsere Sinne verrichten diese verschiedene Operationenmit einer so erstaunlichen Schnelligkeit, daß sie uns nur eineeinzige zu seyn bcdünkcn, und diese Schnelligkeit ist unumgäng-lich nothwendig, wann wir einen Begriff von dem Ganzen,welcher nichts mehr als das Resultat von den Begriffen derTheile und ihrer Verbindung ist, bekommen sollen. Gesetzt nunalso auch, der Dichter führe uns in der schönsten Ordnung voneinem Theile des Gegenstandes zu dem andern; gesetzt, er wisseuns die Verbindung dieser Theile auch noch so klar zu machen:wie viel Icit gebraucht er dazu? Was das Auge mit einmalüberstehet, zählt er uns merklich langsam nach und nach zu, undoft geschieht es, daß wir bey den« letzten Zuge den erstenschon wiederum vergessen haben. Zcdcnnoch sollen wir unsaus diesen Zügen ein Ganzes bilden: dem Auge bleibendie betrachteten Theile beständig gegenwärtig; es kann sieabermals und abermals überlaufen: für das Ohr hingegen sinddie vernommenen Theile vcrlohrcn, wann sie nicht in dem Ge-dächtnisse zurückbleiben. Und bleiben sie schon da zurück: welcheMühe, welche Anstrengung kostet es, ihre Eindrücke alle in ebender Ordnung so lebhaft zu erneuern, sie nur mit einer mäßigen