Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
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472
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Laokcon.

Geschwindigkeit auf cinmal zu überdenken, um zu einem ctwa-iiigcn Begriffe des Ganzen zu gelangen!

Man versuche es an einem Beyspiele, welches ein Meister-stück in seiner Art hcisscn kann.«

Dort ragt das hohe Haupt vom edel» EnzianeWeit übern niedern Chor der Pöbclkrautcr hin,Ein ganzes Blumcnvolk dient unter seiner Fahne,Sei» blauer Bruder selbst bückt sich, und ehret ihn.Der Blumen Helles Gold, in Strahlen umgebogen,Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein grau Gewand,Der Blätter glattes Weiß, mit tiefem Grün durchzogen,Strahlt von dem bunten Blitz von feuchtem Diamant.Gerechtestes Gesetz! daß Kraft sich Zier vermahle.Zu einem schönen Leib wohnt eine schönrc Seele.

Hier kriecht ein niedrig Kraut, gleich einem grauen Nebel,Dem die Natur sein Blatt im Krcutze hingelegt;Die holde Blume zeigt die zwey vcrgöldtcn Schnäbel,Die ein von Amethyst gcbildtcr Vogel trägt.Dort wirft ein glänzend Blat, in Finger ausgekerbet,Auf einen hellen Bach den grünen Wiedcrschcin;Der Blumen zarten Schnee, den matter Purpur färbet,Schließt ein gestreifter Stern in wcissc Strahlen ein.Smaragd und Rosen blühn auch auf zertretncr Hcydc,Und Felsen decken sich mit einem Purpurklcidc.Es sind Kräuter und Blumen, welche der gelehrte Dichter mitgrosser Kunst und nach der Natur mahlet. Mahlt, aber ohnealle Täuschung mahlet. Ich will nicht sagen, daß wer dieseKräuter und Blumen nie gesehen, sich auch aus seinem Gemähldeso gut als gar keine Vorstellung davon machen könne. Esmag seyn, daß alle poetische Gemählde eine vorläufige Bekannt-schaft mit ihren Gegenständen erfordern. Ich will auch nichtläugnen, daß demjenigen, dem eine solche Bekanntschaft hier zustallen kömmt, der Dichter nicht von einigen Theilen eine leb-haftere Idee erwecken könnte. Zch frage ihn nur, wie steht eslim den Begriff des Ganzen? Wenn auch dieser lebhafter seyn

«) S> des Herrn v. Halters Alpen .