Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
473
Einzelbild herunterladen
 

' - ' ^

Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 473

soll, so müssen keine einzelne Theile darinn vorstechen, sonderndas Höhcrc Licht muß auf allc gleich vertheilet scheinen; unsereEinbildungskraft muß alle gleich schnell übcrlauffcn können, umsich das aus ihnen mit eins zusammen zu setzen, was in derNatur mit eins gesehen wird. Ist dieses hier der Fall? Undist er es nicht, wie hat man sagen können,daß die ahn«lichsie Zeichnung eines Mahlers gegen diese poetische Schilde-rung ganz matt und düster sein würde?" i Sie bleibet unend-lich unter dem, was Linien und Farben auf der Fläche aus-drücken können, und der Kunstrichter, der ihr dieses übertriebeneLob ertheilet, muß sie aus einem ganz falschen Gesichtspunktebetrachtet haben; er muß mehr anf die fremden Zicrrathcn, dieder Dichter darein vcrwäbct hat, anf die Erhöhung über dasvegetative Leben, auf die Entwickelung der innern Vollkommen-heiten, welchen die äussere Schönheit nur zur Schale dienet, alsauf diese Schönheit selbst, und auf den Grad der Lebhaftigkeitund Achnlichkeit des Bildes, welches uns der Mahler, undwelches uns der Dichter davon gewähren kann, gesehen haben.Gleichwohl kömmt es hier lediglich nur auf das letztere an, undwer da sagt, daß die blossen Zeilen:

Der Blumen Helles Gold in Strahlen umgebogen,Thürmt sich am Stengel auf, und krönt sein grau Gewand,Der Blätter glattes Weiß mit tiefem Grün durchzogen,Strahlt von dem bunten Blitz von seichtem Diamantdaß diese Zeilen, in Ansehung ihres Eindrucks, mit der Nach-ahmung eines Huysum wetteifern können, muß seine Empfin-dung nie befragt haben, oder sie vorsctzlich verleugnen wollen.Sie mögen sich, wenn man die Blume selbst in der Hand hat,sehr schön dagegen rccitircn lassen; nur vor sich allein sagen siewenig oder nichts. Zch höre in jedem Worte den arbeitendenDichter, aber das Ding selbst bin ich weit entfernet zu sehen.

Nochmals also: ich spreche nicht der Rede überhaupt dasVermögen ab, ein körperliches Ganze nach seinen Theilen zuschildern; sie kann es, weil ihre Zeichen, ob sie schon auf ein-ander folgen, dennoch willkührlichc Zeichen sind: sondern ich

i) Brcilingcrs Cnlische Dichtkunst Th> II. S> 807.