Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 477
Elend und seine Reue: heißt ein Eingriff des Maklers in dasGebiete des Dichters, den der gute Geschmack nie billigen wird.
Mehrere Theile oder Dinge, die ich nothwendig in der Na-tur auf einmal übersehen muß, wenn sie ein Ganzes hervor-bringen sollen, dem Leser nach und nach zuzahlen, um ihm da-durch ein Bild von dem Ganzen machen zu wollen: beißt einEingriff des Dichters in das Gebiete des Mahlers, wobey derDichter viel Imagination ohne allen Nutzen verschwendet.
Doch, so wie zwey billige srcundschaftlichc Nachbarn zwarnicht verstatten, daß sich einer in des andern innerstem Reicheungeziemende Freyheiten herausnehme, wohl aber auf den äus-sersten Grenzen eine wechselseitige Nachsicht herrschen lassen, welchedie kleinen Eingriffe, die der eine in des andern Gerechtsamein der Geschwindigkeit sich durch seine Umstände zu thun gcnö-thiget siehet, friedlich von beyden Theilen compcnsirct: so auchdie Mahlerey und Poesie.
Ich will in dieser Absicht nicht anführen, daß in großenhistorischen Gemählden, der einzige Augenblick fast immer umetwas erweitert ist, und daß sich vielleicht kein einziges an Fi-guren sehr reiches Stück findet, in welchem jede Figur vollkom-men die Bewegung und Stellung hat, die sie in dem Augen-blicke der Haupthandlung haben sollte; die eine hat eine etwasfrühere, die andere eine etwas spätere. Es ist dieses eine Frey-heit, die der Meister durch gewisse Feinheiten in der Anordnungrechtfertigen muss, durch die Verwendung oder Entfernung sei-ner Personen, die ihnen an dem was vorgehet, einen mehr oderweniger augenblicklichen Antheil zu nehmen erlaubet. Ich willmich bloß einer Anmerkung bedienen, welche Herr Mengs überdie Trappcrie des Raphacls macht.« „Alle Falten, sagt er,„haben bey ihm ihre Ursachen, es sey durch ihr eigen Gewichte,„oder durch die Ziehung der Glieder. Manchmal siehet man„in ihnen, wie sie vorher gewesen; Raphacl hat auch sogar in„diesem Bedeutung gesucht. Man siehet a» den Falten, ob„ein Bein oder Arm vor dieser Ncgnng, vor oder hinten ge-„ standen, ob das Glied von Krümme zur Ausstrcckung gcgan-
--) ttcdankc» über die Schönheit imd über den Geschmack in der Mah-lerey. S. 69.