Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
497
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Ueber die Grenze» der Mahlerey und Poesie. 497

trift die Schranken meiner Kunst; mein Lob sey, niich inner-halb diesen Schranken gehalten zu haben."

Zch darf hier die beyden Lieder des Anakreons nicht ver-gessen, in welchen er uns die Schönheit seines Mädchens undseines Bathylls zergliedert.- Die Wendung die er dabey nimt,macht alles gut. Er glaubt einen Mahler vor sich zu haben,und laßt ihn unter seinen Augen arbeiten. So, sagt er,mache mir das Haar, so die Stirne, so die Augen, so denMund, so Hals und Busen, so Hust und Hände! Was derKünstler nur Thcilweise zusammen setzen kann, konnte ihm derDichter auch nur Thcilweise vorschreiben. Seine Absicht istnicht, daß wir in dieser mündlichen Direktion des Mahlers,die ganze Schönheit der geliebten Gegenstände erkennen undfühlen sollen; er selbst empfindet die Unfähigkeit des wörtlichenAusdrucks, und nimt eben daher den Ausdruck der Kunst zuHülfe, deren Täuschung er so sehr erhebet, daß das ganze Liedmehr ein Lobgedicht auf die Kunst, als auf sein Mädchen zuseyn scheinet. Er sieht nicht das Bild, er sieht sie selbst, undglaubt, daß es nun eben den Mund zum Reden cröfncn werde:

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Auch in der Angabe des Bathylls, ist die Anpreisung des schö-nen Knabens mit der Anpreisung der Kunst und des Künstlersso in einander geflochten, daß es zweifelhaft wird, wem zuEhren Anakrcon das Lied eigentlich bestimmt habe. Er sam-melt die schönsten Theile aus vcrschicdncn Gemählden, an wel-chen eben die vorzügliche Schönheit dieser Theile das Charakte-ristische war; den Hals nimt er von einem Adonis, Brust undHände von einem Merkur, die Hüfte von einem Pollur, denBauch von einem Bacchus; bis er den ganzen Vathyll in einemvollendeten Apollo des Künstlers erblickt.

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