Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
Seite
513
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Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 613

Häßlichkeit beleidiget unser Gesicht, widerstehet unserm Geschmackean Ordnung und Uebereinstimmung, und erwecket Abscheu, ohneRücksicht auf die wirkliche Existenz des Gegenstandes, an las-chem wir sie wahrnehmen. Wir mögen den Thcrsites wederin der Natur noch im Bilde sehen; und wenn schon sein Bildweniger mißfällt, so geschieht dieses doch nicht deswegen, weildie Häßlichkeit seiner Form in der Nachahmung Häßlichkeit zuseyn aufhöret, sondern weil wir das Vermögen besitzen, vondieser Häßlichkeit zu abstrahircn, und uns blos an der Kunst dcSMahlers zu vergnügen. Aber auch dieses Vergnügen wird alleAugenblicke durch die Ucbcrlcgung unterbrochen, wie übel dieKunst angewendet worden, und diese Ucbcrlcgung wird seltenfehlen, die Geringschätzung des Künstlers nach sich zu ziehen.

Aristoteles giebt eine andere Ursache an,s warum Dinge,die wir in dcr Natur mit Widerwillen erblicken, auch in dergctrcucstcn Abbildung Vergnügen gewähren; die allgemeine Wiß-begierde des Menschen. Wir freuen uns, wenn wir entwederaus dcr Abbildung lernen können, 7t xx«?ov, was ein jedesDing ist, oder wenn wir daraus schlicsscii können, 07-t o^-o«;x'x-n'-z?, daß es dieses oder jenes ist. Allein auch hieraus fol-get, zum Besten der Häßlichkeit in dcr Nachahmung, nichts.Das Vergnügen, welches aus dcr Befriedigung unserer Wißbe-gierde entspringt, ist momentan, und dem Gegenstände, überwelchen sie befriediget wird, nur zufällig: das Mißvergnügenhingegen, welches den Anblick der Häßlichkeit begleitet, perma-nent, und dem Gegenstände, der es erweckt, wesentlich. Wiekann also jenes diesem das Gleichgewicht halten? Noch weni-ger kann die kleine angenehme Beschäftigung, welche uns dieBemerkung dcr Achnlichkcit macht, die unangenehme Wirkungdcr Häßlichkeit besiegen. Ze genauer ich das häßliche Nachbildmit dem häßlichen Urbildc vergleiche, desto mehr stelle ich michdieser Wirkung blos, so daß das Vergnügen dcr Vcrglcichunggar bald verschwindet, und mir nichts als dcr widrige Eindruckder verdoppelten Häßlichkeit übrig bleibet. Nach den Beyspie-len, welche Aristoteles giebt, zu urtheilen, scheinet es, als habe

i) ve poelic» csi>. IV.Lessings Werke Vl.

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