Druckschrift 
6 (1839)
Entstehung
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515
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Ueber die Grenzen der Mahlerey lind Poesie. 615

Falle befindet. Zn der Poesie, wie ich angemerket, verlieretdie Häßlichkeit der Form, durch die Veränderung ibrcr cocxisti-rendcn Theile in successive, ihre widrige Wirkung fast gänzlich;sie höret von dieser Seite gleichsam auf, Häßlichkeit zu seyn,und kann sich daher mit andern Erscheinungen desto innigerverbinden, um eine neue besondere Wirkung hervorzubringen.Zn der Mahlerey hingegen hat die Häßlichkeit alle ihre Kräftebeysammen, und wirket nicht viel schwächer, als in der Na-tur selbst. Unschädliche Häßlichkeit kann folglich nicht wohllange lächerlich bleiben; die unangenehme Empfindung gewinnetdie Oberhand, und was in den ersten Augenblicken possirlichwar, wird in der Folge blos abscheulich. Nicht anders gehetes mit der schädlichen Häßlichkeit; das Schreckliche verliert sichnach und nach, und das Unförmliche bleibt allein und unver-änderlich zurück.

Dieses überlegt, hatte der Graf Eaylus vollkommen Recht,die Episode des Thcrsitcs aus der Reihe seiner HomerischenGemählde wegzulassen. Aber hat man darum auch Recht, sieaus dem Homer selbst wegzuwünschen? Ich finde ungern, daßein Gelehrter, von sonst sehr richtigem und seinem Geschmacke,dieser Meinung ist. c Ich vcrspare es auf einen andern Ort,mich wcitläuftiger darüber zu erklären.

XXV.

Auch der zweyte Unterschied, welchen der angeführte Kunst-richtcr, zwischen dem Eckcl und andern unangenehmen Leiden-schaften der Seele findet, äusscrt sich bey der Unlust, welchedie Häßlichkeit der Formen in uns erwecket.

Andere unangenehme Leidenschaften, sagt er,» können auchausser der Nachahmung, in der Natur selbst, dem Gemütheöfters schmeicheln; indem sie niemals reine Unlust erregen,sondern ihre Bitterkeit allezeit mit Wollust vermischen. UnsereFurcht ist selten von aller Hoffnung entblößt; der Schreckenbelebt alle unsere Kräfte, der Gefahr auszuweichen; der Zornist mit der Begierde sich zu rächen, die Traurigkeit mit der

c) Klolsii k!>Mol!v Ilomerici«, p, 33. L seq.a) Eben daselbst S. 103.

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