Hamburgische Dramaturgie.
Nach diesen Grundsätzen von der Empfindung überhaupt, habeich mir zu bestimmen gesucht, welche äußerliche Merkmale dieje-nige Empfindung begleiten, mit der moralische Betrachtungenwollen gesprochen seyn, und welche von diesen Merkmalen inunserer Gewalt sind, so daß sie jeder Akteur, er mag die Em-pfindung selbst haben, oder nicht, darstellen kann. Mich dünktFolgendes.
Jede Moral ist ein allgemeiner Satz, der, als solcher, einenGrad von Sammlung der Seele und ruhiger Ucberlcgung ver-langt. Er will also mit Gelassenheit und einer gewissen Kältegesagt seyn.
Allein dieser allgemeine Satz ist zugleich das, Resultat vonEindrücken, welche individuelle Umstände auf die handelndenPersonen machen; er ist kein bloßer symbolischer Schluß; er isteine gcncralisirtc Empfindung, und als diese will er mit Feuerund einer gewissen Begeisterung gesprochen seyn.
Folglich mit Begeisterung und Gelassenheit, mit Feuer undKälte? —
Nicht anders; mit einer Mischung von beiden, in der aber,nach Beschaffenheit der Situation, bald dieses, bald jenes, her-vorsticht.
Ist die Situation ruhig, so muß sich die Seele durch dieMoral gleichsam einen neuen Schwung geben wollen; sie mußüber ihr Glück, oder ihre Pflichten, blos darum allgemeine Be-trachtungen zu machen scheinen, um durch diese Allgemeinheitselbst, jenes desto lebhafter zu gemessen, diese desto williger undmuthigcr zu beobachten.
Ist die Situation hingegen heftig, so muß sich die Seeledurch die Moral (unter welchem Worte ich jede allgemeine Be-trachtung verstehe) gleichsam von ihrem Fluge zurückholen; siemuß ihren Leidenschaften das Ansehen der Vernunft, stürmischenAusbrüchcn den Schein vorbcdächtlichcr Entschliessungcn geben zuwollen scheinen.
Jenes crfodcrt einen erhabnen und begeisterten Ton; dieseseinen gemäßigten und fcycrlichcn. Denn dort muß das Raison-ncment in Affekt entbrennen, und hier der Affekt in Raisonnc-mcnt sich auskühlen.