Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
25
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Erster Band.

alles hübsch artig; denn mitten in dem Strome, mitten indem Sturme, mitten, so zu reden, in dem Wirbelwinde derLeidenschaften, müßt ihr noch einen Grad von Mäßigungbeobachten, der ihnen das Glatte und Geschmeidige giebt.

Man spricht so viel von dem Feuer des Schauspielers; manzerstreitet sich so sehr, ob ein Schauspieler zu viel Feuer habenkönne. Wenn die, welche es behaupten, zum Beweise anfüh-ren, daß ein Schauspieler ja wohl am unrechten Orte heftig,oder wenigstens heftiger seyn könne, als es die Umstände crfo-dcrn: so haben die, welche es leugnen, Recht zu sagen, daß insolchem Falle der Schauspieler nicht zu viel Feuer, sondern zuwenig Verstand zeige. Ilcbcrhaupt kömmt es aber wohl daraufan, was wir unter dem Worte Feuer verstehen. Wenn Geschreyund Konlorsionen Feuer sind, so ist es wohl unstreitig, daß derAkteur darinn zu weit gehen kann. Besteht aber das Feuer inder Geschwindigkeit und Lebhaftigkeit, mir welcher alle Stücke,die den Akteur ausmachen, das ihrige dazu beytragen, um sei-nem Spiele den Schein der Wahrheit zu geben: so müßten wirdiesen Schein der Wahrheit nicht bis zur äußersten Illusion ge-trieben zu scheu wünschen, wenn es möglich wäre, daß der Schau-spieler allzuviel Feuer in diesem Verstände anwenden könnte. Eskann also auch nicht dieses Feuer seyn, dessen Mäßigung Shakc-spcar, selbst in dem Strome, in dem Sturme, in dem Wirbelwindeder Leidenschaft verlangt: er muß blos jene Heftigkeit der Stimmeund der Bewegungen meynen; und der Grund ist leicht zu finden,warum auch da, wo der Dichter nicht die geringste Mäßigungbeobachtet hat, dennoch der Schauspieler sich in beiden Stückenmäßigen müsse. Es giebt wenig Stimmen, die in ihrer äußer-sten Anstrengung nicht widerwärtig würden; und allzu schnelle,allzu stürmische Bewegungen werden selten edel seyn. Gleich-wohl sollen weder unsere Augen noch unsere Dhrcn beleidigetwerden; und nur alsdcun, wenn man bey Aeusserung der hef-tigen Leidenschaften alles vermeidet, was diesen oder jenen un-angenehm seyn könnte, haben sie das Glatte und Geschmeidige,welches ein Hamlet auch noch da von ihnen verlangt, wennsie den höchsten Eindruck machen, und ihm das Gewissen ver-stockter Frevler aus dem Schlafe schrecken sollen.