Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
47
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Erster Band.

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tcn die tugendhafte Frau besucht. Zum Sylphen ward dannauch Hilar, und so weiter. Kurz, es entstand die Operette,Jsabclle und Gcrtrude, oder die vermeinten Sylphen; welchedie Grundlage zur neuen Agiicsc ist. Man hat die Sittendarin», den unsrigcn näher zu dringen gesucht; man hat sichaller Anständigkeit beflissen; das liebe Mädchen ist von derrcitzendstcn, vcrchrungswürdigstcn Unschuld; und durch das Ganzesind eine Menge gute komische Einfälle verstreuet, die zum Theildem deutschen Verfasser eigen sind. Zch kann mich in die Ver-änderungen selbst, die er mit seiner Urschrift gemacht, nicht nä-her einlassen; aber Personen von Geschmack, welchen diese nichtunbekannt war, wünschten, daß er die Nachbarinn, anstatt desVaters, beybehalten hätte. Die Rolle der Agnesc spielteMademoiselle Felbrich, ein junges Frauenzimmer, das eine vor-treffliche Aktrice verspricht, und daher die beste Aufmunterungverdienet. Alter, Figur, Mine, Stimme, alles kömmt ihr hierzu Statten; und ob sich, bey diesen Naturgabcn, in einer sol-chen Rolle schon vieles von selbst spielet: so muß man ihr dochauch eine Menge Feinheiten zugestehen, die Vorbedacht undKunst, aber gerade nicht mehr und nicht weniger verriethen,als sich an einer Agnesc verrathen darf.

Den sechsten Abend (Mittwochs, den 29sten April,) warddie Scmiramis des Hrn. von Voltaire aufgeführet.

Dieses Trauerspiel ward im Jahre 1743 auf die französischeBühne gebracht, erhielt großen Beyfall, und macht, in derGeschichte dieser Bühne, gcwisscrmaaßen Epoche. Nachdemder Hr. von Voltaire seine Zayre und Alzire, seinen Brutusund Cäsar geliefert hatte, ward er in der Meinung bestärkt,daß die tragischen Dichter seiner Nation die alten Griechen invielen Stücken weit überträfen. Von uns Franzosen, sagt er,hätten die Griechen eine geschicktere Exposition, und die großeKunst, die Auftritte unter einander so zu verbinden, daß dieScene niemals leer bleibt, und keine Person weder ohne Ur-sache kömmt noch abgehet, lernen können. Aon uns, sagt er,hätten sie lerncn können, wie Nebenbuhler und Nebenbuhlerin-nen, in witzigen Antithesen, mit einander sprechen; wie derDichter, mit cincr Menge erhabner, glänzender Gedanken, blcn-