erster Band. K7
aber doch mit aller Gewalt verliebte Helden haben müßten,so wolle er ihnen welche machen, so gut als ein anderer. DasStück ward in achtzehn Tagen vollendet, und fand großen Bey-fall. Man nennt es zu Paris ein christliches Trauerspiel, undes ist oft, anstatt des Polycukts, vorgestellet worden."
Den Damen haben wir also dieses Stück zu verdanken, undes wird noch lange das Licblingsstück der Damen bleiben. Einjunger feuriger Monarch, nur der Liebe unterwürfig; ein stolzerSieger, nur von der Schönheit besiegt; ein Sultan ohne Po-lygamie; ein Scraglio, in den freyen zugänglichen Silz einerunumschränkten Gebieterinn verwandelt; ein verlassenes Mäd-chen, zur höchsten Staffel des Glücks, durch nichts als ihre schönenAugen, erhöhet; ein Herz, um das Zärtlichkeit und Religionstreiten, das sich zwischen seinen Gott und seinen Abgott thei-let, das gern fromm seyn möchte, wenn es nur nicht aufhörensollte zu lieben; ein Eifersüchtiger, der sein Unrecht erkennet,und es an sich selbst rächet: wenn diese schmeichelnde Ideendas schöne Geschlecht nicht bestechen, durch was ließe es sichdenn bestechen?
Die Liebe selbst hat Voltaire» die Zayre diktirt: sagt einKunstlichter artig genug. Richtiger hätte er gesagt: die Galan-terie. Ich kenne nur eine Tragödie, an der die Liebe selbstarbeiten helfen; und das ist Romeo und Zulict, vom Shakc-spcar. Es ist wahr, Voltaire läßt seine verliebte ?ayrc ihreEmpfindungen sehr fein, sehr anständig ausdrücken: aber wasist dieser Ausdruck gegen jenes lebendige Gemählde aller derkleinsten geheimsten Ränke, durch die sich die Liebe in unsereSeele cinschlcicht, aller der unmcrklichcn Vortheile, die sie darinngewinnet, aller der Kunstgriffe, mit denen sie jede andere Leiden-schaft unter sich bringt, bis sie der einzige Tyrann aller un-serer Begierden und Vcrabscheuungcn wird? Voltaire verstehet,wenn ich so sagen darf, den Kanzclcystyl der Liebe vortrefflich;das ist, diejenige Sprache, denjenigen Ton der Sprache, dendie Liebe braucht, wenn sie sich auf das behutsamste und ge-messenste ausdrücken will, wenn sie nichts sagen will, als wassie bey der spröden Sophistinn und bey dem kalten Kunstrichtcrverantworten kann. Aber der beste Kanzeliste weiß von den
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