404 Hamburgische Dr.nnaturgic,
Auch das will Voltaire nicht gut hcisscn. Es ist nicht erlaubt,sagt er, eine so neue Geschichte so gröblich zu verfälschen, undMänner von so vornehmer Geburt, von so großen Verdien-ste», so unwürdig zu mißhandeln. Aber hier kömmt es ja garnicht darauf an, was diese Männer waren, sondern wofür sieEsser hielt; und Esser war auf seine eigene Verdienste stolz ge-nug, um ihnen ganz und gar keine einzuräumen.
Wenn Corneille den Essex sagen läßt, daß es nur an sei-nem Willen gemangelt, den Thron selbst zu besteigen, so läßter ihn freylich etwas sagen, was noch weit von der Wahrheitentfernt war. Aber Voltaire hätte darum doch nicht ausrufenmüssen: „Wie? Essex auf dem Throne? mit was für Recht?unter was für Vorwandc? wie wäre das möglich gewesen?"Denn Voltaire hätte sich erinnern sollen, daß Essex von mütter-licher Seite aus dem Königlichen Hause abstammte, und daß eswirklich Anhänger von ihm gegeben, die unbesonnen genug waren,ihn mit unter diejenigen zu zählen, die Ansprüche auf die Kronemachen könnten. Als er daher mit dem Könige Jakob vonSchottland in geheime Unterhandlung trat, ließ er es das ersteseyn, ihn zu versichern, daß er selbst dergleichen ehrgeizige Ge-danken nie gehabt habe. Was er hier von sich ablehnte, istnicht viel weniger, als was ihn Corneille voraussetzen läßt.
Zudem also Voltaire durch das ganze Stück nichts als hi-storische Unrichtigkeiten findet, begeht er selbst nicht geringe.Ueber eine hat sich Walpolc (°) schon lustig gemacht. Wennnehmlich Voltaire die erster» Lieblinge der Königinn Elisabethnennen will, so nennt er den, Robert Dudlcy und den Grafenvon Lciccstcr. Er wußte nicht, daß beide nur eine Personwaren, und daß man mit eben dem Rechte den Poeten Arouctund den Kammcrhcrrn von Voltaire zu zwey verschiedenen Per-sonen machen könnte. Eben so unverzeihlich ist das Hysteron-Proteron, in welches er mit der Ohrfeige verfällt, die die Kö-niginn dem Essex gab. Es ,st falsch, daß er sie nach seinerunglücklichen Expedition in Zrrland bekam; er hatte sie langevorher bekommen; und es ist so wenig wahr, daß er damals
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