Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
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Hambui-gische Dramaturgie.

einen Selcucus, daraus zu machen, als es ihm, eine Rodoguncdaraus zu erschaffen, kostete. Was ihn aber vorzüglich darin»reitztc, war die beleidigte Ehefrau, welche die usurpirten Rechteihres Ranges und Bettes nicht grausam genug rächen zu kön-nen glaubet. Diese also nahm er heraus; und es ist unstreitig,daß so nach sein Stück nicht Rodogunc, sondern Cleopatra hcis-scn sollte. Er gestand es selbst, und nur weil er besorgte, daßdie Zuhörer diese Königinn von Syrien mit jener berühmtenletzten Königinn von Acgvptcn gleiches Namens verwechseln dürs-ten, wollte er lieber von der zweyten, als von der ersten Per-son den Titel hernehmen.Ich glaubte mich, sagt er, dieserFreyheit um so eher bedienen zu können, da ich angemerkt hatte,daß die Alten selbst es nicht sür nothwendig gehalten, ein Stückeben nach seinem Helden zu benennen, sondern es ohne Bedenkenauch wohl nach dem Ehore benannt haben, der an der Hand-lung doch weit weniger Theil hat, und weit episodischer ist, alsRodogunc; so hat z. E. Sophokles eines seiner Trauerspiele dieTrachincrinncn genannt, welches man itzigcr Zeit schwerlich anders,als den sterbenden Herkules nennen würde." Diese Bemerkungist an und für sich sehr richtig; die Alten hielten den Titel fürganz unerheblich; sie glaubten im geringsten nicht, daß er denInhalt angeben müsse; genug, wenn dadurch ein Stück von demandern unterschieden ward, und hiczu ist der kleinste Umstandhinlänglich. Allein, gleichwohl glaube ich schwerlich, daß So-phokles das Stück, welches er die Trachinerinncn überschrieb,würde haben Dcianira nennen wollen. Er stand nicht an, ihmeinen nichtsbcdeutenden Titcl zu geben, aber ihm einen verfüh-rerischen Titel zu geben, einen Titcl, der unsere Aufmerksamkeitauf einen falschen Punkt richtet, dessen möchte er sich ohneZweifel mehr bedacht haben. Die Bcsorgniß des Corneille gicnghicrnächst zu weit; wer die ägyptische Cleopatra kennet, weißauch, daß Syrien nicht Aegypten ist, weiß, daß mehr Königeund Königinnen einerley Namen geführt haben; wer aber jenenicht kennt, kann sie auch mit dieser nicht verwechseln. Wenig-stens hätte Corneille in dem Stück selbst, den Namen Cleopatranicht so sorgfältig vermeiden sollen; die Deutlichkeit hat in demersten Akte darunter gelitten; und der deutsche Uebersetzcr that