Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
133
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t?rflcr Band.

daher sehr wohl, daß er sich übcr dicsc klcinc Bcdcnklichkcit weg-setzte. Kein Scribcnt, am wenigsten ein Dichter, muß seine Leseroder Zuhörer so gar unwissend annehmen; er darf auch gar wohlmanchmal denken: was sie nicht wissen, das mögen sie fragen!

Dreißigstes Stück.Den Uten August, 17K7.

Cleopatra, in der Geschichte, ermordet ihren Gemahl, er-schießt den einen von ihren Söhnen, und will den andern mitGift vergeben. Ohne Zweifel folgte ein Verbrechen aus demandern, und sie hatten alle im Grunde nur eine und eben die-selbe Quelle. Wenigstens läßt es sich mit Wahrscheinlichkeitannehmen, daß die einzige Eifersucht ein wüthendes Eheweib zueiner eben so wüthenden Mutter machte. Sich eine zweyte Ge-mahlinn an die Seite gcstellet zu sehen, mit dieser die Licbxihres Gatten und die Hoheit ihres Ranges zu theilen, brachteein empfindliches und stolzes Herz leicht zu dem Entschlüsse, dasgar nicht zu besitzen, was es nicht allein besitzen konnte. Dc-mctrius muß nicht leben, weil er für Cleopatra nicht alleinleben will. Der schuldige Gemahl fällt; aber in ihm fällt auchein Vater, der rächende Söhne hinterläßt. An dicsc hatte dieMuttcr in der Hitze ihrer Leidenschaft nicht gedacht, oder nurals an Ihre Söhne gedacht, von deren Ergebenheit sie versichertsey, oder deren kindlicher Eiser doch, wenn er unter Aclrcrnwählen müßte, ohnfchlbar sich für den zuerst beleidigten Theilerklären würde. Sie fand cs abcr so nicht; dcr Sohn wardKönig, und dcr König sahe in der Cleopatra nicht die Muttcr,sondern die Königsmördcrinn. Sie hatte alles von ihm zufürchten; und von dem Augcnblickc an, er alles von ihr. Nochkochte die Eifersucht in ihrem Herzen; noch war dcr treuloseGemahl in seinen Söhnen übrig; sic fieng an alles zu hassen,was sie erinnern mußte, ihn einmal geliebt zu haben; die Sclbst-crhaltung stärkte diesen Haß; die Muttcr war fertiger als dcrSohn, die Beleidigerinn fertiger, als dcr Beleidigte; sie bcgicngdcn zweyten Mord, lim den ersten ungestraft begangen zu ha-ben; sic bcgicng ihn an ihrem Sohne, und beruhigte sich mitder Vorstellung, daß sic ihn nur an dem begehe, der ihr eignes