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Hamburgische Dramaturgie.
Verderben beschlossen habe, daß sie eigentlich nicht morde, daßsie ihrer Ermordung nur zuvorkomme. Das Schicksal des älternSohnes wäre auch das Schicksal des jungem geworden; aberdieser war rascher, oder war glücklicher. Er zwingt die Mut-ter, das Gift zu trinken, das sie ihm bereitet hat; ein un-menschliches Verbrechen rächet das andere; und es kömmt bloßaus die Umstände an, auf welcher Seite wir mehr Ncrabscheuung,oder mehr Mitleid empfinden sollen.
Dieser dreyfache Mord würde nur eine Handlung ausmachen,die ihren Anfang, ihr Mittel und ihr Ende in der nehmlichenLeidenschaft der nehmlichen Person hätte. Was fehlt ihr alsonoch zum Stosse einer Tragödie? Für das Genie fehlt ihrnichts: für den Stümper, alles. Da ist keine Liebe, da istkeine Verwicklung, keine Erkennung, kein unerwarteter wunder-barer Zwischenfall; alles geht seinen natürlichen Gang. Diesernatürliche Gang reißet das Genie; und den Stümper schrecketer ab. Das Genie können nur Begebenheiten beschäftigen, diein einander gegründet sind, nur Ketten von Ursachen und Wir-kungen. Diese auf jene zurück zu führen, jene gegen diese ab-zuwägen, überall das Ungefehr auszuschliesscn, alles, was ge-schieht, so geschehen zu lassen, daß es nicht anders geschehenkönnen: das, das ist seine Sache, wenn es in dem Felde derGeschichte arbeitet, um die unnützen Schätze des Gedächtnissesin Nahrungen des Geistes zu verwandeln. Der Witz hingegen,als der nicht auf das in einander Gegründete, sondern nur aufdas Achnlichc oder Unähnliche gehet, wenn er sich an Werkewaget, die dem Genie allein vorgcsparct bleiben sollten, hältsich bey Begebenheiten auf, die weiter nichts mit einander ge-mein haben, als daß sie zugleich geschehen. Diese mit einanderzu verbinden, ihre Faden so durch einander zu flechten und zuverwirren, daß wir jeden Augenblick den einen unter dem an-dern verlieren, aus einer Bcfremdung in die andere gestürztwerden: das kann er, der Witz; und nur das. Aus der be-ständigen Durchkrcutzung solcher Fäden von ganz vcrschiedncnFarben, entstehet denn eine Contextur, die in der Kunst ebendas ist, was die Webcrey Changeant nennet: ein Stoff, vondem man nicht sagen kann, ob er blau oder roth, grün oder