erster Band. 451
Vier und dreißigstes Stück.
Den 2Ssten August, 4767.
Aber dennoch dünkt es mich immer ein weit verzeihlicherer Feh-ler, seinen Personen nicht die Charaktere zu geben, die ihnen dieGeschichte giebt, als in diesen srcywillig gcwäbltcn Charakterenselbst, es sey von Seiten der innern Wahrscheinlichkeit, oder vonSeiten des Unterrichtenden, zu verstoßen. Denn jener Fehler kannvollkommen mit dem Genie bestehen; nicht aber dieser. DemGenie ist es vergönnt, tausend Dinge nicht zu wissen, die jederSchulknabe weiß; nicht der erworbene Vorrath seines Gedächt-nisses, sondern das, was es aus sich selbst, aus seinem eigenenGefühl, hervor zu bringen vermag, macht seinen ReichthumauS;(°) was es gehört oder gelesen, hat es entweder wiedervergessen, oder mag es weiter nicht wissen, als insofern es inseinen Kram taugt; es verstößt also, bald aus Sicherheit baldaus Stolz, bald mit bald ohne Vorsatz, so oft, so gröblich, daßwir andern guten Leute uns nicht genug darüber verwundernkönnen; wir stehen und staunen und schlagen die Hände zusam-men nnd rufen: „Aber, wie hat ein so großer Mann nichtwissen können! — wie ist es möglich, daß ihm nicht beyfiel! —überlegte er denn nicht?" O, laßt uns ja schweigen; wir glau-ben ihn zu demüthigen, und wir machen uns in seinen Augenlächerlich; alles, was wir besser wissen, als er, beweiset blos,daß wir fleißiger zur Schule gegangen, als er; und das hattenwir leider nöthig, wenn wir nicht vollkommnc Dummköpfebleiben wollte».
Marmontcls Solimann hätte daher meinetwegen immer einganz anderer Solimann, und seine Roxelane eine ganz andereRoxclane seyn mögen, als mich die Geschichte kennen lehret:wenn ich nur gefunden hätte, daß, ob sie schon nicht aus die-ser wirklichen Welt sind, sie dennoch zu einer andern Welt ge-hören könnten; zu einer Welt, deren Zufälligkeiten in einer an-dern Ordnung verbunden, aber doch eben so genau verbundensind, als in dieser; zu einer Welt, in welcher Ursachen und
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