Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
150
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Hamburgische Dramaturgie.

anders ausfallen können; da hingegen einerley Factum sich ausganz verschicdnen Charakteren herleiten läßt. Zweytcns, weildas Lehrreiche nicht in den bloßen Factis, sondern in der Er-kenntniß bestehet, daß diese Charaktere unter diesen Umstandensolche Facta hervor zu bringen Pflegen, und hervor bringen müssen.Gleichwohl hat es Marmontel gerade umgekehrt. Daß es ein-mal in dem Serraglio eine europäische Sklavinn gegeben, diesich zur gesetzmäßigen Gemahlinn des Kaisers zu machen gewußt:das ist das Factum. Die Charaktere dieser Sklavinn und die-ses Kaisers bestimmen die Art lind Weise, wie dieses Factumwirklich geworden; und da es durch mehr als eine Art vonCharakteren wirklich werden können; so steht es freylich bey demDichter, als Dichter, welche von diesen Arten er wählen will;ob die, welche die Historie bestätiget, oder eine andere, so wieder moralischen Absicht, die er mit seiner Erzchlung verbindet,das eine oder das andere gemäßer ist. Nur sollte er sich, imFall daß er andere Charaktere, als die historischen, oder wohlgar diesen völlig entgegen gesetzte wählet, auch der historischenNamen enthalten, und lieber ganz unbekannten Personen dasbekannte Factum beylegen, als bekannten Personen nicht zukom-mende Charaktere andichten. Zencs vermehret unsere Kenntniß,oder scheinet sie wenigstens zu vermehren, und ist dadurch ange-nehm. Dieses widerspricht der Kenntniß, die wir bereits haben,und ist dadurch unangenehm. Die Facta betrachten wir als et-was zufälliges, als etwas, das mehrcrn Personen gemein seynkann; die Charaktere hingegen als etwas wesentliches und eigen-thümliches. Mit jenen lassen wir den Dichter umspringen, wieer will, so lange er sie nur nicht mit den Charakteren in Wi-derspruch setzet; diese hingegen darf er wohl ins Licht stellen,aber nicht verändern; die geringste Veränderung scheinet unsdie Individualität aufzuheben, und andere Personen unterzuschie-ben, betrügerische Personen, die fremde Namen usurpiren, undsich für etwas ausgeben, was sie nicht sind.