erster Band.
Wenn es also wahr ist, daß Marmontel durch seine Er-zchlung lehren wollte, die Liebe lasse sich nicht erzwingen, siemüsse durch Nachsicht und Gefälligkeit, nicht durch Ansehen undGewalt erhalten werden: so hatte er Recht so aufzuhören, wieer aufhört. Die unbändige Rorclane wird durch nichts alsNachgeben gewonnen; was wir dabey von ihrem und des Sul-tans Charakter denken, ist ihm ganz gleichgültig, mögen wir siedoch immer für eine Närrinn lind ihn für nichts bcsscrs halten.Auch hat er gar nicht Ursache, uns wegen der Folge zu beru-higen; es mag uns immer noch so wahrscheinlich seyn, daßden Sultan seine blinde Gefälligkeit bald gereuen werde: wasgeht das ihn an? Er wollte uns zeigen, was die Gefälligkeitüber das Frauenzimmer überhaupt vermag; er nahm also einesder wildesten; unbekümmert, ob es eine solche Gefälligkeit werthsey, oder nicht.
Allein, als Favart diese Erzchlung auf das Theater bringe»wollte, so empfand er bald, daß durch die dramatische Formdie Intuition des moralischen Satzes größten Theils verlohrengehe, und daß, wenn sie auch vollkommen erhalten werdenkönne, das daraus erwachsende Vergnügen doch nicht so großund lebhaft sey, daß man dabey ein anderes, welches demDrama wesentlicher ist, entbehren könne. Ich meine das Ver-gnügen, welches uns eben so rein gedachte als richtig gezeich-nete Charaktere gewähren. Nichts beleidiget uns aber, vonSeiten dieser, mehr, als der Widerspruch, in welchem wir ih-ren moralischen Werth oder Unwerth mit der Behandlung desDichters finden; wenn wir finden, daß sich dieser entweder selbstdamit betrogen hat, oder uns wenigstens damit bekriegen will,indem er das Kleine auf Stelzen hebet, muthwilligcn Thorhei-heiten den Anstrich heiterer Weisheit giebt, und Laster undUngereimtheiten mit allen betriegerischen Reißen der Mode, desguten Tons, der feinen Lebensart, der großen Welt ausstaffi-ret. Ze mehr unsere ersten Blicke dadurch geblendet werden,desto strenger verfährt unsere Ucberlcgung; das häßliche Gesicht,das wir so schön geschminkt sehen, wird sür noch einmal sohäßlich erklärt, als es wirklich ist; und der Dichter hat nur zuwählen, ob er von uns lieber für einen Giftmischer oder für